Zahlenfalle

Mehr Mut zur Anekdote: Wissenschaftskommunikation in der Zahlenfalle

Schweizer Wissenschaftsvermittler wollten herausfinden, wie die Pandemie die Wissenschaftskommunikation beeinflusste. Ihre Umfrage liefert zwar interessante Antworten, aber nicht auf die Fragen, die sie gestellt hatten.

Ein Artikel aus der Medienwoche vom 6. Mai 2021.

Experimente, Studien und Statistiken: Wissenschaftliche Informationen haben die mediale und politische Diskussion zu Covid-19 seit Beginn der Pandemie mitgeprägt. Das stellt auch die Wissenschaftskommunikation vor ungeahnte Herausforderungen, weil die Fülle an neuen Forschungsergebnissen es auch für Expert:innen schwierig macht, den Überblick zu behalten. Hinzu kommt, dass Forschende in dieser Pandemie eine enorme diskursive Macht erlangt haben. In den sozialen Netzwerken, aber auch in den traditionellen Medien, können sie ausserdem oft weitgehend ungefiltert mit ihren Ergebnissen und Meinungen an die Öffentlichkeit treten. Die Trennlinie zwischen reiner Informationsvermittlung und politischer Einflussnahme, zwischen gut untersuchten Ergebnissen und Spekulation, ist dabei nicht immer scharf [0] [1].

Deshalb wäre ein kritischer Blick auf den Einfluss der Covid-19-Pandemie auf die Wissenschaftskommunikation sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus journalistischer Sicht wünschenswert. Einen ersten Versuch diesbezüglich hat «CovidSciCom» gewagt [2]. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, «den Einfluss von Covid-19 auf die Wissenschaftskommunikation» zu untersuchen. Unter der Leitung von Swissnex Indien, dem Aussennetz des Bundes für Bildung, Forschung und Innovation, wurden 55 Journalist:innen, 69 professionelle Kommunikator:innen und 41 Forschende in den USA, der Schweiz und Indien mittels eines Online-Formulars befragt. Partner des Projekts sind die Stiftung Science et Cité, die Akademien der Wissenschaften Schweiz und das National Institute of Advanced Studies in Indien. Die Resultate verschafften «erstmals einen eindrücklichen Einblick, wie Covid-19 die Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen beeinflusst», schreiben die Projektverantwortlichen in einer Medienmitteilung. Das ist jedoch zu hoch gegriffen.

Die Umfrage liefert in erster Linie eine Momentaufnahme davon, wie die befragten Akteure Wissenschaftskommunikation wahrnehmen und betreiben. Das ist durchaus interessant. Doch um zu bestimmen, welchen Einfluss Covid-19 darauf hat, müsste man explizit nach diesem Einfluss fragen oder die Zeit vor der Pandemie als Vergleich heranziehen. Nun erfahren wir zwar, dass Falschinformation und Politisierung von den Befragten mit Abstand als die grössten Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation über Corona erachtet werden. Aber wir erfahren nicht, ob das spezifisch etwas mit der Corona-Pandemie zu tun hat – oder ob diese Faktoren auch bei anderen gesellschaftspolitisch brisanten Wissenschaftsthemen als die grössten Herausforderungen betrachtet worden wären.

Hinzu kommt, dass die 165 Befragten kaum ein repräsentatives Abbild der Millionen von Forschenden, Journalist:innen oder Kommunikator:innen abgeben, die in den USA, Indien und der Schweiz arbeiten. Vielmehr stellen sie ein sogenanntes «Convenience Sample» dar. Damit werden Stichproben bezeichnet, welche willkürlich und nicht mittels eines wahrscheinlichkeitstheoretisch definierten Auswahlprozesses erhoben wurden. Wie Swissnex Indien bei der Studie vorgegangen ist, erläutert Sébastien Hug, Mitinitiator des Projekts: «Wir haben die professionellen Netzwerke von uns und unseren Partnerorganisationen in Indien, der Schweiz und den USA genutzt, indem wir die Umfrage über unsere Newsletter versandt, in den sozialen Netzwerken geteilt, aber auch Wissenschaftskommunikator:innen direkt angeschrieben haben.» Es bleibt jedoch unklar, inwiefern die gesammelten Antworten auf die gesamte wissenschaftliche und journalistische Gemeinschaft in den drei Ländern verallgemeinerbar sind: Wir wissen schlicht nicht, wie repräsentativ die Stichprobe ist.

Sébastian Hug stellt klar, dass eine repräsentative Erhebung gar nicht das Ziel der Umfrage gewesen sei. Es sei dem Projektteam Forscher:innengruppe vielmehr darum gegangen, einen Dialog über die Wissenschaftskommunikation anzustossen und dabei Perspektiven aus Indien, der Schweiz und den USA zu vergleichen. Die Umfrage hätten sie durchgeführt, um als Basis für diesen Dialog mehr in der Hand zu haben als blosse anekdotische Evidenz, nämlich belastbares Zahlenmaterial. Belastbar sind die Zahlen jedoch nur, wenn wir einen Anhaltspunkt haben, ob und wie die Ergebnisse verallgemeinert werden können. In der vorliegenden Form ist die Umfrage leider immer noch bloss eine Aggregation von anekdotischer Evidenz.

Doch auch Anekdoten können wertvolle Einblicke schaffen, wie «CovidSciCom» selbst zeigt. Der eigentliche Wert des Projekts liegt denn auch weniger in den Datenpunkten, welche die 165 befragten Personen geliefert haben, sondern in den begleitenden Interviews, die auf der Website aufgeschaltet sind [3]. Dort erhalten die Befragten nämlich die Möglichkeit, einen Einblick zu geben in ihre persönlichen Kommunikationserlebnisse im vergangenen Jahr; sie können diese einordnen, kontextualisieren und erläutern und dabei auch auf die ganz besonderen Herausforderung der Wissenschaftskommunikation während der Pandemie zu sprechen kommen.

Julia Marcus, Expertin für öffentliche Gesundheit in den USA, berichtet beispielsweise darüber, wie sie dank ihren Kenntnissen über Gesundheitskommunikation im Rahmen der HIV-Epidemie plötzlich bei Covid-19 zur gefragten Expertin in den Medien und zur kommunikativen Ratgeberin im Gesundheitsbereich avancierte – und dabei selber einige kommunikative Hürden zu überwinden hatte [4]. So kritisierte sie beispielsweise, dass das Blossstellen von Menschen keine effektive Kommunikationsstrategie für die öffentliche Gesundheit sei, was ihr prompt den Vorwurf einbrachte, sie wolle Regelbrechern alles durchgehen lassen. Sie habe dadurch gelernt, dass sie im Umgang mit der Öffentlichkeit, aber auch mit Fachkolleg:innen möglichst explizite Botschaften formulieren müsse, um nicht missverstanden zu werden. Solche Einblicke sind für die Leser:innen in Bezug auf die Kernfrage des Projekts erhellender als Prozentzahlen darüber, wie häufig Journalist:innen einen Podcast veröffentlichen.

Das gilt auch für das Interview mit Subhra Priyadarshini [5]. Sie ist Redakteurin von «Nature India», dem indischen Portal des wissenschaftlichen Verlags «Nature»: Zu lesen, mit welchen Kriterien und Massnahmen die Redakteur:innen bei «Nature India» versucht haben, in der Flut von wissenschaftlichen Publikationen nicht unterzugehen, schafft am Ende ein tieferes Verständnis davon, wie Covid-19 die Wissenschaftskommunikation beeinflusst und verändert hat, als das Wissen darum, dass 56 Prozent der Befragten die überwältigende Menge an Informationen zu Covid-19 als Herausforderung ansah.

Natürlich lassen sich gewisse Unterschiede zwischen den Ländern und den Berufsgattungen aus der Umfrage herauslesen: In Indien setzen die Befragten zum Kommunizieren beispielsweise stärker auf Whatsapp als in der Schweiz und den USA; unter den befragten Wissenschaftskommunikator:innen mit wenig Berufserfahrung ist das Vertrauen in Wissenschaftler:innen höher als in den anderen befragten Berufsgruppen. Doch solche Unterschiede hätte man wohl auch mit der qualitativen Befragung von fünf Personen pro Land und Berufsgattung erkennen können – darüber hinaus aber womöglich noch mehr Erkenntnisse gewonnen. Denn jede statistische Zusammenfassung eines komplexen Phänomens muss diese Komplexität irgendwie reduzieren [6]. Wer quantifiziert, verliert also eine Menge an Kontext-Informationen. Insofern wäre den Verantwortlichen von «CovidSciCom» mehr Mut zur Anekdote zu wünschen gewesen.

Quantitative Umfragen liefern nur dann mehr Erkenntnisse als qualitative Befragungen, wenn der Verlust an Kontextinformationen kompensiert wird durch einen höheren Grad an Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse. Anders gesagt: «CovidSciCom» versucht zu quantifizieren, was erst einmal sorgsam qualifiziert werden müsste. Dabei erfahren wir, was 165 willkürlich ausgewählte Forschende, Journalist:innen oder Kommunikator:innen zur Pandemie und den damit zusammenhängenden Herausforderungen in der Wissenschaftskommunikation denken. Nicht mehr, nicht weniger.

An sich wäre das unproblematisch, wenn die Zahlen nicht geradezu dazu einlüden, eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung vorzunehmen. So berichtete jüngst «Swissinfo» mit Verweis auf die Umfrage, dass «Forschende und Universitäten glaubwürdiger erscheinen als Journalistinnen und Journalisten» [7], verlor jedoch kein Wort darüber, wie die Daten erhoben und wer konkret befragt wurde. Aus einem sehr begrenzt gültigen Umfrageergebnis wird so plötzlich eine allgemeine Aussage. Verantwortlich für solche haarsträubenden Generalisierungen sind freilich die Journalist:innen und nicht die Urheber:innen von «CovidSciCom»: «Wir sind transparent, wie die Zahlen erhoben worden sind, und geben auch nicht vor, wie die Zahlen zu interpretieren sind», hält Sébastien Hug fest. «Die Besucher:innen können sich ihre eigene Meinung bilden basierend auf den vorhandenen Daten.»

Die Vermutung liegt aber nahe, dass das Projekt kaum auf mediale Resonanz gestossen wäre, hätte es nicht mit konkreten Zahlen aufwarten können. Dass Zahlen und Statistiken dazu verleiten, mehr in sie hineinzulesen, als sie eigentlich hergeben, war ironischerweise gerade bei der Kommunikation zu Covid-19 immer wieder ein Problem [8]. Performativ hat «CovidSciCom» also schon eine Antwort darauf geliefert, wie Covid-19 die Wissenschaftskommunikation beeinflusst hat: Sie steht sinnbildlich für etwas, das immer noch viel zu häufig schief läuft bei der Kommunikation über Covid-19. Wie Kaninchen vor der Schlange schauen wir gebannt auf Kennzahlen und Statistiken: einige furchtsam oder ungläubig, andere detailversessen oder selbstgewiss, weitere wiederum wütend oder frustriert. Wie relevant, verlässlich oder aussagekräftig die Zahlen zum Beantworten einer bestimmten Frage sind, ist dabei oft nebensächlich – Hauptsache, man hat Zahlen.

Ein solcher Zahlenfetischismus war zwar schon vor der Pandemie an der medialen und politischen Tagesordnung, aber die Pandemie hat ihn noch viel deutlicher hervortreten lassen. Auch dafür kann «CovidSciCom» wenig. Doch es ist schade, dass der Umgang mit Statistiken und Zahlen von der Umfrage kaum beleuchtet wurde. Stattdessen ist das Projekt selber in die kommunikative Zahlenfalle getappt und hat aus Zahlen einen Fetisch gemacht.

Offenlegung: Der Autor ist Mitglied der Jungen Akademie Schweiz, die Teil der Akademien der Wissenschaften Schweiz sind, war aber an «CovidSciCom» nicht beteiligt.

Referenzen

[0]

Servan Grüninger (27.10.2020). Wissenschaft als Kassandra: «Wir haben es doch vorausgesagt!» (https://medienwoche.ch/2020/10/27/wissenschaft-als-kassandra-wir-haben-es-doch-vorausgesagt/, abgerufen am 30. April 2021).

[1]

Servan Grüninger (12.03.2020). Coronavirus in den Medien: Von Experten und «Experten». Medienwoche (https://medienwoche.ch/2020/03/12/coronavirus-in-den-medien-von-experten-und-experten/, abgerufen am 26. Oktober 2020).

[2]

CovidSciCom (https://covidscicom.org/survey-insights/, abgerufen am 30. April 2021).

[3]

CovidSciCom Stories (https://covidscicom.org/stories/, abgerufen am 30. April 2021).

[4]

Julia Marcus & Lionel Pousaz (18.02.2021). „Scientists often feel they have to censor themselves“ (https://covidscicom.org/scientists-often-feel-they-have-to-censor-themselves/, 30. April 2021).

[5]

Subhra Priyadarshini & Binoy V V (18.02.2021). „Science communication is not just a wartime activity.“ (https://covidscicom.org/science-communication-is-not-just-a-wartime-activity/, 30. April 2021).

[6]

Servan Grüninger (06.02.2021). Datenkompetenz: Wer Zahlen sprechen hört, sollte zum Arzt gehen. Box 2 (https://reatch.ch/publikationen/datenkompetenz, abgerufen am 03. Mai 2021)

[7]

Christian Raaflaub (30.04.2021). Die Wissenschaft im Dilemma (https://www.swissinfo.ch/ger/wissen-technik/die-wissenschaft-im-dilemma-46494620, abgerufen am 30. April 2021).

[8]

Servan Grüninger (15.05.2020). Corona-Statistiken auf dem Prüfstand: Was uns Schweizer Medien servieren (https://medienwoche.ch/2020/05/15/corona-statistiken-auf-dem-pruefstand-was-uns-schweizer-medien-servieren/, abgerufen am 03. Mai 2021)

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Präsidium & Fundraising

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von Reatch. Er hat sein Studium mit Politikwissenschaften und Recht begonnen und mit Biostatistik und Computational Science abgeschlossen. Zurzeit doktoriert er am Institut für Mathematik der Universität Zürich in Biostatistik. Weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.