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Lass mal blau machen

Für das Färben von Bluejeans braucht es jährlich 400 Tonnen des Blutgiftes Anilin. Diese gelangen auf ungenügend geschützte Arbeitende, ins Abwasser und sogar bis in den Endverkauf. Die Teilnehmenden der Sommerakademie «Nachhaltige Kreislaufwirtschaft» fragten sich deshalb: Wäre es möglich, diesen Färbeprozess in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu integrieren?

Wie jedes Jahr machen einige Studienstiftler:innen Ende August einen Abstecher ins Tessin, um im Centro Evangelico in Magliaso den Sommerakademien der Schweizerischen Studienstiftung beizuwohnen. Normalerweise treffen sie dort geistreiche Studierende, mit denen sie sich über komplexe Fragestellungen aus der Wissenschaft austauschen können. Doch dieses Jahr bietet sich ihnen eine Überraschung: Mit aufreizendem Hüftschwung stolzieren die Teilnehmenden der Sommerakademie über die Wiese, präsentieren mit übertriebenen Posen ihre Alltagskleidung und werden dabei von maximal mittelmässigem Gesang und Tanz begleitet. Die Verwirrung ist gross. Ist hier etwa eine neue Mutante des Covid19-Virus ausgebrochen, welche gezielt Hirnzellen angreift?

Zum Glück nicht: Die Studienstiftler:innen führen lediglich einen Sketch auf, welcher das Thema ihrer Sommerakademie in humoristischer Weise darstellen soll; Nachhaltige Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie.

Kreislaufwirtschaft bezeichnet ein Konzept mit dem Ziel, Ressourcen und damit einhergehend die Umwelt zu schonen. Die Ressourcenextraktion sowie -deposition machen zwei Drittel der heutigen Treibhausgasemissionen aus [1] und sind oft toxisch für Arbeitende und Umwelt.

In unserem gegenwärtigen, linearen Wirtschaftssystem werden Ressourcen, beispielsweise Baumwolle, der Umwelt entnommen, in ein Produkt umgewandelt, beispielsweise in eine Bluejeans, und nach vollendeter Lebenszeit weggeworfen oder verbrannt. Für die nächste Jeans wird neue Baumwolle abgebaut und neuer Farbstoff hergestellt. Da Ressourcen nicht endlos sind, führt dieses Konzept irgendwann - teilweise bereits heute - zu einer Ressourcenknappheit.

Eine Kreislaufwirtschaft beabsichtigt, Ressourcen möglichst lange im Kreis zu führen, um genannte Schäden zu minimieren. Dafür gibt es viele Wege: Die Jeans könnte an einen neuen Besitzer gehen, der ihre Lebenszeit verlängert, sie könnte zu einem neuen Kleidungsstück geschneidert werden, um ihr neue Attraktivität zu verleihen oder sie könnte zu etwas ganz anderem wie beispielsweise einer Tasche umfunktioniert werden.

Leider garantieren wiederverwendete Ressourcen noch keine Nachhaltigkeit, da viele weitere Faktoren der Umwelt ebenfalls oder sogar noch mehr schaden können. Das Recycling von Materialien ist beispielsweise sehr energieintensiv [1], wobei der Grossteil der heutzutage verwendeten Energie nicht aus erneuerbaren Quellen stammt.

Welche Lösungen sind also sowohl zirkulär als auch nachhaltig? Mit dieser Frage haben sich die Teilnehmenden der Sommerakademie eine Woche lang auseinandergesetzt. Anschliessend haben sie in kleinen Gruppen Geschäftsmodelle entworfen, welche einen Teil der Textilindustrie sowohl zirkulär als auch nachhaltig gestalten würden.

Meine Gruppe hat sich in die Problematik des Färbens vertieft. Bleiben wir dafür beim Beispiel Bluejeans: Jeans, wie sie fast jede:r besitzt, werden mit dem Farbstoff Indigo gefärbt. Der Farbstoff per se ist nicht toxisch. Man findet ihn auch in der Natur, beispielsweise in der namensgebenden Indigopflanze (Indigofera tinctoria). Toxisch ist der geläufige Herstellungsprozess. Dieser verwendet als Ausgangsprodukt Anilin. Das global harmonisierte System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien (GHS-Gefahrstoffkennzeichnung) verleiht Anilin nicht weniger als vier Würdetitel: giftig, umweltgefährlich, ätzend und gesundheitsschädlich. Vier Gefahren, vor denen die billigen Arbeitskräfte in Drittweltländern nicht akkurat geschützt werden. Jährlich fallen in der Färbeindustrie 400 Tonnen überschüssiges Anilin an. Davon gelangen zwei Drittel ins Abwasser und auf die Arbeitenden, ein Drittel bleibt auf der Kleidung haften und gelangt so in den Verkauf [2].

Nebst dem Herstellungsprozess ist auch der Färbeprozess äusserst schädlich. Sowohl textile Fasern als auch Farbstoffe tragen eine partiell negative Ladung. Infolgedessen gehen sie ungefähr so gerne eine Verbindung miteinander ein, wie Vladimir Putin und Alexander Lukaschenko eine homosexuelle Beziehung miteinander eingehen würden. Um den Farbstoff trotzdem auf die Kleidung zu bekommen, sind starke Säuren notwendig, welche umwelt- und gesundheitsschädlich sind.

Wir sind nicht die ersten, denen diese Probleme aufgefallen sind. Sowohl für den Herstellungs- als auch für den Färbeprozess existieren bereits nachhaltige Alternativen. Beispielsweise können Farbstoffe wie Indigo von genetisch modifizierten Bakterien hergestellt werden, ohne dass dafür schädliche Ausgangsstoffe benötigt werden [3]. 2020 hat PUMA eine ganze Kollektion auf den Markt gebracht, welche nur mit solchen Farbstoffen gefärbt worden ist.

Doch selbst wenn sich nachhaltige Farben in der Modeindustrie verbreiten, fehlt noch immer die Integration des Färbens in eine Kreislaufwirtschaft. Färben ist ein einmaliger Prozess. Die Farbe wird anschliessend ausgewaschen und geht verloren; für das nächste Kleidungsstück muss neue Farbe hergestellt werden. Unser Ziel war die Entwicklung einer Methode, welche die Wiederverwendung von Farbe ermöglicht. Wir haben uns dafür von Ecofoot inspirieren lassen. Ecofoot ist ein Start-up, welches Farbstoffe nicht mithilfe von Säuren, sondern mit einem sogenannten Polymer an die Kleidungsfasern bindet [3]. Ein Polymer ist nichts anderes als eine Molekülkette, welche sowohl an Farbe als auch an Fasern gerne bindet und die beiden somit zusammenhält.

Wir haben nach einer Lösung gesucht, die es ermöglicht, gefärbte Fasern wieder zu entfärben und den Farbstoff anschliessend wiederzuverwenden. Dafür haben wir uns von der Biologie inspirieren lassen: In Lebewesen laufen unzählige Vorgänge ab, bei denen zwei Proteine binden, sich wieder voneinander lösen und anschliessend neu binden können. Wir haben uns überlegt, einen solchen Proteinkomplex zwischen Polymer und Faser einzufügen.

Für unser Bluejeans-Beispiel sähe das folgendermassen aus: Das Indigoblau ist an ein Polymer gebunden und das Polymer wird an ein Protein, beispielsweise einen Rezeptor, gebunden. Die farblose Jeansfaser wird an das dazugehörige Protein, den sogenannten Liganden, gebunden. Jetzt kann der Rezeptor an den Liganden binden und hält somit den Farbstoff an der Jeans fest.

Gleichzeitig ist eine leichte Veränderung in den Umweltbedingungen, beispielsweise im pH-Wert, ausreichend, um Rezeptor und Ligand, und somit Indigoblau und Jeansfaser, wieder voneinander zu trennen. Auf diese Weise kann Farbstoff wiederverwendet werden und der Färbeprozess wird zirkulär.

Diese Idee ist rein theoretisch. Zu ihrer Umsetzung sind jahrelange Forschung und ein grosszügiges Budget notwendig. Und selbst wenn die Idee bereits marktreif wäre, wären damit nicht alle Hindernisse überwunden. Die Kleidung, welche gegenwärtig hergestellt wird, unterliegt bestimmten Modetrends. Entsprechend ändern Schnitte und Farben jedes Jahr, oft sogar mehrmals jährlich. Das Modelabel Zara beispielsweise bringt alle zwei Wochen eine neue Kollektion in den Verkauf. Wie also überzeugt man Modeschaffende, alte Farben und Schnitte wiederzuverwenden?

Glücklicherweise ist es bereits heute möglich, sich nachhaltiger und ressourcenschonender zu kleiden. Diverse Marken stellen ihre Produkte aus umweltfreundlichen oder sogar rezyklierten Materialien her. Es gibt die Möglichkeit, in Onlineshops wie tutti.ch oder in Brockenhäusern Kleidung second-hand zu kaufen. Und schliesslich gilt, wie uns das letzte Model der Sommerakademie, das sich nun verführerisch in Pose wirft und sich überraschend seines Oberteils entledigt, mitteilt: «Das nachhaltigste T-Shirt ist gar kein T-Shirt!» Soll heissen: Kauf dir nur, was du wirklich brauchst.

Referenzen

[1]

Michael Keller für Magazin Globe (2020): Anders wirtschaften. (Online verfügbar unter: https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2020/12/anders-wirtschaften.html).

[2]

Melody M. Bomgardner für c&en (2018): These new textile dyeing methods could make fashion more sustainable. (Online verfügbar unter:https://cen.acs.org/business/consumer-products/new-textile-dyeing-methods-make/96/i29).

[3]

Vijetha Mogilireddy für Prescouter (2018): Sustainable dyeing innovations: Greener ways to color textiles. (Online verfügbar unter:https://www.prescouter.com/2018/11/sustainable-dyeing-innovations-greener-ways-color-textiles/).

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Nachhaltige Kreislaufwirtschaft» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von Reatch. Den Originalbeitrag gibt es hier.

Autor*innen

Anouk Petitpierre ist Geförderte der Schweizerischen Studienstiftung. Gegenwärtig studiert sie Biologie und Umweltwissenschaften an der Universität Zürich und strebt einen Master in Umweltnaturwissenschaften an.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.

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