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Vertrauen in die Wissenschaft schützt nicht vor Desinformation

Falschinformationen werden oft mit angeblich wissenschaftlichen Belegen untermauert. Wissenschaftsglaube kann so zu einer Falle werden.

Wo es um die Covid-19-Impfung geht, da sind Verschwörungstheorien nicht weit. Nicht selten kommen diese pseudo-wissenschaftlich daher, das heisst: Sie basieren auf Theorien, die ursprünglich aus der Wissenschaft stammen, verdrehen diese aber. Oder sie isolieren Fakten aus ihrem Kontext und geben ihnen eine völlig andere Bedeutung. Diese pseudo-wissenschaftlichen Theorien klarzustellen, ist aufwändig, denn der wissenschaftliche Hintergrund und die jeweiligen Zusammenhänge müssen erst erklärt werden. Und: Verschwörungstheorien hemmen eine Richtigstellung erfolgreich, weil diese Erzählungen immer davon ausgehen, dass jede Richtigstellung von einer bösartigen Elite stammt und gefälscht ist.

Es ist kein Zufall, dass zum Beispiel die bekanntesten Exponenten der Corona-Leugner sich als wissenschaftliche Expertinnen und Experten ausgeben – und in nicht wenigen Fällen auch selbst aus der Wissenschaft kommen.

Denn, wenn Desinformation in wissenschaftlichem Deckmantel daherkommt, spricht sie andere Leute an, als wenn sie beispielsweise aktivistisch wirkt. Menschen, die der Wissenschaft grundsätzlich vertrauen, sind dann eher geneigt, die Falschinformation weiter zu verbreiten, als Menschen, die der Wissenschaft misstrauen. Dies hat eine neue Studie aus den USA
nun gezeigt. Sie wurde im Fachmagazin Journal of Experimental Social Psychology publiziert.

Wissenschaftsglaube ist kein Allerheilmittel

Die Forschenden der Universität Illinois Urbana-Champaign machten vier Experimente, um den Zusammenhang zwischen Wissenschaftsgläubigkeit und dem Verbreiten von anscheinend wissenschaftlich belegter Desinformation zu untersuchen. Mit hunderten von zufällig zugeteilten Personen führten sie eine Umfrage durch: Die Probanden der verschiedenen Experimente lasen einen Artikel, der Falschinformationen enthielt, die pseudo-wissenschaftlich belegt wurden – zum Beispiel über Referenzen auf einen Experten einer renommierten Universität. Die Probanden waren ahnungslos, dass sie auf die Fake-News-Fährte gelockt wurden. Bei der Kontrollgruppe fehlten solche pseudo-wissenschaftlichen Verweise.

Die Themen variierten je nach Experiment: Der Artikel drehte sich bei zwei Experimenten um einen erfundenen Virus, den «Valza-Virus», der angeblich in einem Regierungslabor entstanden sei, was aber vertuscht werde. Die Parallelen zu Verschwörungstheorien über den neuen Corona-Virus sind hier offensichtlich. In zwei weiteren Experimenten lasen die Probanden einen Artikel, der falsche Behauptungen über eine angeblich tumor-auslösende Wirkung genmanipulierter Pflanzen enthielt.

Auch hier gab es eine Gruppe, in deren Artikel Wissenschaftlichkeit vorgespielt wurde und eine, deren Artikel aktivistisch gehalten war.

Die Resultate waren eindeutig: Personen, deren Vertrauen in Wissenschaft gross ist, glaubten den pseudo-wissenschaftlichen Artikeln eher und hätten diese auch eher verbreitet. Bei Personen hingegen, die nicht besonders grosses Vertrauen in die Wissenschaft hatten, machte es keinen Unterschied, ob der Artikel angeblich wissenschaftliche Quellen zitierte. War in der Umfrage die Empfehlung eingebettet, dass Vertrauen in die Wissenschaft wichtig sei, glaubten Teilnehmende denn auch nicht weniger an Falschinformationen. Beim Hinweis hingegen, Informationen kritisch zu prüfen, schon.

Die Forschenden warnen deshalb davor, den Glauben an die Wissenschaft pauschal als Gegenmittel gegen Falschinformationen zu sehen – auch wenn er individuell und gesellschaftlich von Vorteil ist. Parolen wie jene von Hillary Clinton, die 2016 sagte, «Ich glaube an Wissenschaft», seien kein probates Mittel. Stattdessen müsse kritisches Denken und das Verständnis wissenschaftlicher Methoden gefördert werden, sagt Sozialpsychologin und Co-Autorin Dolores Albarracín in einer Mitteilung. «Die Leute müssen verstehen lernen, wie Wissenschaft vorgeht und wie sie zu Schlüssen kommt», sagt sie und fügt an: «Die Menschen müssten lernen, welche Informationsquellen vertrauenswürdig sind und wie sich Information verifizieren lässt. Es geht nicht nur darum, der Wissenschaft zu vertrauen, sondern um die Fähigkeit, kritisch zu sein und überprüfen zu können, welche Fakten echt sind.»

Wissenschaft geniesst in der Schweiz grosses Vertrauen

Gerade in der Schweiz könnte dieser Hinweis wichtig sein, denn: Das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in Wissenschaft und Forschung ist während der Corona-Pandemie gestiegen, wie der Schweizer Wissenschaftsbarometer zeigt. 67 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung gaben in der Umfrage von 2020 an, ihr Vertrauen in die Wissenschaft sei «hoch» oder «sehr hoch». 2019 und 2016 waren es 56 beziehungsweise 57 Prozent.

Dieser Artikel ist am 16. August 2021 im Magazin Higgs erschienen.

Higgs ist das unabhängige Magazin für Wissen in der Schweiz, das seit 2018 täglich Wissen für ein breites Publikum publiziert.

Autor*innen

Katrin Schregenberger ist Leitende Redaktorin beim Wissenschaftsmagazin higgs. Ihr Credo als Journalistin: Sag’s einfach so, dass es jeder versteht. Sie ist Historikerin und hat sich ihre journalistischen Sporen während sechs Jahren bei der Neuen Zürcher Zeitung sowie als Reporterin in Myanmar verdient.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.