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Wissenschaft ist die Entdeckung neuer Welten

Wir sollten aufhören, Wissenschaft als «Problemlösungsmaschine» zu betrachten. Das Forschen nach neuen Erkenntnissen ist keine Fliessbandarbeit, sondern eine Entdeckungsreise in unbekannte Welten.

Wissenschaft muss nützen - so die Grundhaltung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Intuitiv ist das erst einmal nachvollziehbar: Wieso sollten wir als Gesellschaft Zeit und Geld in etwas investieren, das uns keinen wie auch immer gearteten Nutzen bringt?

Problemlösung ab Fliessband

Spannend ist jedoch die Frage, wie wir diesen Nutzen denn definieren wollen. Für viele Menschen ist die Antwort darauf klar: «Praxisrelevant» muss Forschung sein; zu «wirtschaftlich verwertbaren Ergebnissen» soll sie führen; dem «Wohl der Menschen» hat sie zu dienen. Forschung, die kein praktisches Ziel verfolgt und deren einziger Zweck die Gewinnung neuer Erkenntnisse ist, gilt hingegen oft als «unnütze Spielerei» oder gar als «Verschwendung von Steuergeldern».

Hinter solchen Aussagen versteckt sich eine verzerrte Vorstellung darüber, was Forschung ist und wie sie funktioniert. Mir scheint, als ob Wissenschaft als universell einsetzbare «Problemlösungsmaschine» aufgefasst wird – verbunden mit der Erwartung, dass besagte Maschine unablässig und unverzüglich Antworten auf all jene Fragen liefert, mit der wir sie füttern. Problemlösung ab Fliessband, sozusagen.

Jedes Massenprodukt braucht einen Prototyp

Wenn das Fliessband kein verwertbares Produkt ausspuckt, dann sehen viele darin ein Versagen der Wissenschaft. Dabei geht vergessen, dass jeder Massenproduktion zuerst ein Prototyp vorangeht. Und um einen solchen Prototyp bauen zu können, müssen wir erst einmal das nötige Wissen und die richtigen Werkzeuge zur Hand haben. Auch der brillanteste Forscher benötigt die entsprechenden wissenschaftlichen Ingredienzien, um seine Ideen in die Tat umsetzen zu können. Schliesslich kann auch der kreativste Koch kein kulinarisches Meisterwerk schaffen, wenn ihm nur Wasser, Spaghetti und Salz zur Verfügung stehen.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass die Forschung nicht nur die praktische Verwendbarkeit ihrer Ergebnisse im Auge behält, sondern sich auch um die Erarbeitung von grundlegendem Wissen kümmert.

Entdeckungsreise statt Fliessbandproduktion

Dazu braucht es aber die Bereitschaft und die Entschlossenheit, die eigene Wohlfühlzone zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen – ohne zu wissen, wo die Reise enden wird. Forschung ist ein langer und beschwerlicher Lernprozess, der mit Unwägbarkeiten und Unsicherheiten verbunden ist; Rückschläge und Neuausrichtungen gehören zum Tagesgeschäft; ebenso die beständige Korrektur von Fehlern und die Überarbeitung bisheriger Erkenntnisse. Mit «Problemlösung ab Fliessband» hat das nur wenig zu tun; viel näher liegt da der Vergleich mit einer Entdeckungsreise in unbekannte Länder.

Den Weg selber bahnen

Als sich Christoph Kolumbus aufmachte, um eine neue Seepassage nach Ostasien zu finden, hatte er keine genaue Karte zur Hand – er musste gänzlich auf seinen Kompass, seine Kursberechnungen und die Fähigkeiten seiner Mannschaft vertrauen.

Genauso geht es Forschungskapitänen, wenn sie ihr Schiff über den Ozean des (Nicht‑)Wissens steuern. Die wissenschaftliche Methodik, kritisches und kreatives Denken sowie die Erkenntnisse ihrer Vorgänger und Forscherkollegen bieten die einzige Unterstützung auf dem Weg zu einer neuen Entdeckung. Und ob diese Entdeckung die Mühen tatsächlich wert ist, wird in der Regel erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand ersichtlich.

Die Entdeckung der Neuen Welt

Kurzfristig gesehen brachten Kolumbus‘ Entdeckungsfahrten weder seinem Auftraggeber – dem Königreich Kastilien – noch dem Rest Europas einen sonderlich grossen Nutzen. Über mehrere Jahre hinweg waren sich weder Kolumbus noch seine Zeitgenossen im Klaren darüber, dass sie einen neuen Kontinent entdeckt hatten.

Doch das Wissen, das Kolumbus und seine Seefahrerkollegen durch ihre Expeditionen gewinnen konnten, läutete für viele europäische Grossmächte ein goldenes Zeitalter der Entdeckungen ein. Und heute würde wohl niemand mehr bestreiten, dass die Wiederentdeckung Amerikas durch Europäer eines der entscheidendsten und weitreichendsten Ereignisse der frühen Neuzeit war.

Genauso vermag eine wissenschaftliche Errungenschaft auf den ersten Blick unspektakulär oder gar «unnütz» erscheinen – nur um dann zu einem späteren Zeitpunkt ihre volle Wirkung zu entfalten und das Tor zu einer neuen Welt aufzustossen.

«Praxisrelevanz» ist nicht alles

Wissenschaft darf nützen – ohne Zweifel. Doch wir sollten uns davor hüten, «praxisrelevanter» Forschung automatisch einen höheren Stellenwert zukommen zu lassen als der Erforschung jener Grundlagen, welche die Entwicklung von praxisbezogenen Anwendungen überhaupt erst möglich machen.

Jede dieser Anwendungen baut schliesslich auf der Arbeit unzähliger Forscherinnen und Forscher auf, welche sich der schwierigen und unberechenbaren Aufgabe gestellt haben, in neue Gefilde des Wissens vorzustossen – wohlwissend, dass ihre Entdeckungen nur der Ausgangspunkt für weitere beschwerliche Reisen in der Welt der Wissenschaft sein würden.

Dieser Artikel ist am 22. April 2015 im Science-Blog von NZZ Campus erschienen.

Autor*innen

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Präsidium, Fundraising

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von Reatch. Er hat sein Studium mit Politikwissenschaften und Recht begonnen und mit Biostatistik und Computational Science abgeschlossen. Zurzeit doktoriert er am Institut für Mathematik der Universität Zürich in Biostatistik. Weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.

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