Environmental protection 4366503 1920

«Wir drohen im eigenen Wachstum zu ersticken»: Postwachstum als Alternative zur Wachstumsökonomie

Ideenwettbewerb-Teilnehmer*innen Leonard und Viktoria präsentieren in ihrem Beitrag eine Alternative zum Wirtschaftswachstum: Postwachstum.

Unter dem Motto «Mit den Wissenschaften Krisen meistern, bevor sie entstehen» rief Reatch auf zum grossen Ideenwettbewerb 2020. Über 30 kreative Ideen sind zusammengekommen. Fünf davon haben wir fürs Finale am 24. Oktober ausgewählt. Vier der fünf Finalist*innen stellten ihre Ideen auf dem Reatch-Blog bereits vor. Wir möchten euch aber auch einige Ideen, die es nicht ins Finale geschafft haben, nicht vorenthalten.

Der vorliegende Blog-Beitrag wurde im Rahmen des Reatch-Ideenwettbewerbs eingereicht und wird mit dem Einverständnis der Autor*innen veröffentlicht.

Der Historiker Philipp Blom vergleicht die heutige Wirtschaftsweise mit dem «Leben» von Hefe: Der einzellige Pilz vermehrt sich explosiv, indem er sich von Zucker ernährt, bis alle Ressourcen aufgebraucht sind – und er schliesslich an seinen eigenen Ausscheidungen erstickt [1]. Auch die Menschheit wird geradezu ersticken, wenn sie ihre Wirtschaften weiterhin exponentiell wachsen lassen möchte. Doch die Alternativen, die in den Wissenschaften bereits seit Jahren unter dem Schlagwort «Postwachstum» erforscht werden, bieten Hoffnung, die unvermeidliche Transformation zu prägen – und zwar «by design» und nicht «by desaster».

Auch für die Schweiz ist Postwachstum eine unumgängliche Alternative, schaut man den Realitäten ins Auge. Der Schweizer Erdüberschusstag fiel 2020 bereits auf den 8. Mai. Das heisst, dass bereits nach weniger als einem halben Jahr alle für das gesamte Jahr verfügbaren Ressourcen aufgebraucht wurden; den Rest des Jahres leben wir auf Kosten von zukünftigen Generationen – und Menschen im Globalen Süden.

Während eindringliche Appelle in der Medienlandschaft leider allzu oft verhallen, werden zahlreiche Postwachstumsvertreter:innen nicht müde, zu betonen, dass es so nicht weitergehen kann. Doch im Alltag findet diese Erkenntnis (oft) noch viel zu wenig Beachtung: In Gesellschaften, in denen die SUVs immer breiter, die Wohnflächen immer grösser und die Flugreisen immer länger werden, sind die Schreckensmeldungen aus der Wissenschaft schnell vergessen. Dabei ist längst deutlich, dass ein Weiterführen des Status quo zu einem kollektiven Kollaps führen wird - auch wenn viele Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft trotz vermehrter Appelle aus der Klimawissenschaft dies zu ignorieren scheinen. Besonders deutlich wird das beim Credo des Wirtschaftswachstums, das im politischen Spektrum von links bis rechts gepriesen wird: Es soll Wohlstand sichern, Arbeitsplätze schaffen und Innovation fördern. Wirtschaftswachstum wird als Allheilmittel für sämtliche Bereiche angeführt. Und das, obwohl zahlreiche empirische Studien aufzeigen, dass sich wirtschaftliches Wachstum und Nachhaltigkeit ausschliessen [2].

Während Wirtschaftswachstum und der Ausstoss von CO2-Emissionen theoretisch absolut entkoppelt werden könnten (wenngleich auch hier die Frage der Geschwindigkeit umstritten ist, wenn man das 1.5-Grad-Ziel miteinbezieht), benötigt eine Wachstumswirtschaft zwangsläufig immer mehr Ressourcen. Im Umkehrschluss heisst das, dass es auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen kein endloses Wirtschaftswachstum geben kann [3]. Vertreter:innen des sogenannten «Grünen Wachstums» widersprechen dieser Erkenntnis und führen an, dass eine absolute Entkopplung möglich sei; bis dato fehlen aber empirische Studien, die aufzeigen, dass eine absolute Entkopplung von BIP-Wachstum und Umweltverbrauch theoretisch und praktisch möglich ist [4]. Doch trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnis ist unser gesellschaftliches, politisches und ökonomisches Leben weiterhin von der omnipräsenten Idee der Wachstumswirtschaft geprägt – und bis jetzt funktionieren die Gesellschaften auch noch, wenngleich erste Risse sichtbar werden.

Im politischen Mainstream wird das Ende des Wirtschaftswachstums als Absage an den menschlichen Fortschritt verteufelt. Doch die Wissenschaft entwickelt – unter dem Schlagwort «Postwachstum» – bereits seit Jahren Konzepte und liefert empirische Grundlagen, wie moderne, progressive und innovative Gesellschaften ohne Wachstum aussehen könnten. Aus unterschiedlichen Fachrichtungen und in interdisziplinären Projekten analysieren Wissenschaftler:innen dabei nicht nur die negativen Folgen der Wachstumswirtschaft [5], sondern entwerfen Ideen und Visionen, wie unser Zusammenleben nach einer sozial-ökologischen Transformation aussehen könnte [6]. Konkrete Vorschläge und mögliche Umsetzungspunkte gibt es diesbezüglich reichlich. Sie reichen von der Förderung nachhaltiger Mobilität (Velo und Bahn), regionaler Wertschöpfungsketten (vor allem für Nahrungsmittel, aber auch darüber hinaus) und generell mehr Sharing-Angeboten bis hin zu einer generellen Arbeitszeitverkürzung und dem Verbot von Werbung im öffentlichen Raum. Politische Instrumente, bspw. ökonomische Anreize, sollten die Innovationen dabei begleiten, damit etwaigen negativen Effekten vorgebeugt wird, sodass bspw. Bürger:innen nicht Sharing-Angebote nutzen und gleichzeitig doch noch ein Auto besitzen.

Das Ziel von Postwachstum ist dabei einerseits, den materiellen Durchfluss (material throughput) in Gesellschaften zu verringern, weshalb Aktivitäten, die die Umwelt belasten, zwangsläufig heruntergefahren werden müssen (was womöglich weniger BIP-Wachstum zur Folge hätte), und andererseits, wachstumsunabhängig zu sein, um gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten und strukturell resilienter zu werden, insbesondere bei Wirtschaftskrisen [7].

Die Wissenschaft entwickelt diese Postwachstumskonzepte oft in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, z. B. in sogenannten Real-Laboren. Dadurch wird aufgezeigt, wie sozial-ökologische Lebensweisen organisiert und umgesetzt werden können. Klar ist jedoch auch, dass es komplex ist, in einem von der Wachstumswirtschaft geprägten System Alternativen aufzuzeigen, da dieses so gut wie alle Lebensbereiche tangiert und strukturiert. So können soziale Sicherungssysteme, die zurzeit massgeblich von Wirtschaftswachstum abhängig sind, nicht einfach «von unten» (bottom up) reformiert werden. Doch die Wissenschaft leistet nicht nur bei der angewandten Forschung wichtige Beiträge, sondern forscht auch auf theoretisch-konzeptioneller Ebene zu ebensolchen Themen, wie Sozialsystemen in einer Postwachstumsgesellschaft [8]. Die Umsetzung solcher struktureller Reformen, die bspw. die soziale Sicherung betreffen, bedarf dann institutioneller Veränderungen, die auf politischer Ebene angegangen werden müssen (top down).

Dabei braucht es auch die Erkenntnis, dass weder «bottom up» noch «top down» beide für sich die notwendigen Veränderungen herbeiführen können, die für eine erfolgreiche Postwachstumstransformation benötigt werden – es braucht das Zusammenspiel beider Ebenen.

Um sich vom ökonomischen Wachstumsparadigma zu trennen, muss es ferner einen Zusammenschluss unterschiedlichster gesellschaftlicher Akteure geben, von Bürgerinitiativen und Umweltverbänden bis hin zu politischen Parteien, Unternehmungen, Finanzinstituten sowie Verbänden – und der Wissenschaft. Dies ist umso wichtiger, da zahlreiche gesellschaftliche Errungenschaften auf Wirtschaftswachstum fussen bzw. von diesem abhängig sind. Stellvertretend dafür sei die Alterssicherung genannt, die zurzeit ohne ein stetig steigendes BIP, genau wie das Sozialversicherungssystem, nicht finanzierbar wäre. Es müssen daher alternative Strukturen geschaffen werden, um auch künftig Alterssicherung zu gewährleisten, sei es durch eine umlagefinanzierte Rente oder anderweitige Systeme [9]. Forschung hierzu gibt es, aber es darf gleichwohl nicht verschwiegen werden, dass es eine Blaupause diesbezüglich (noch) nicht gibt; über Jahrzehnte wurde schlicht darauf vertraut, dass unsere Wirtschaften einfach weiter wachsen können und werden. Dass die aktuelle Nullzinspolitik der Alterssicherung sowieso grosse Probleme bereitet, sollte umso mehr Anreiz sein, neue, innovative Wege zu suchen.

Dass solche Reformprozesse, die eine auf Wirtschaftswachstum ausgerichtete Gesellschaft nicht von heute auf morgen zu ändern vermögen, sollte genauso einleuchtend sein wie die Tatsache, dass dies auch gar nicht förderlich wäre. Feste Strukturen, wie ein Alterssicherungssystem, zu reformieren, muss gut geplant werden. Ferner braucht es dafür einen breit aufgestellten gesellschaftlichen Zusammenschluss. Dieser wird nicht einfach geboren, sondern muss sich entwickeln. Jedoch ist, wie der Sozialpsychologe Harald Welzer betont, oft bereits eine kritische Masse von etwa 5% einer Gesellschaft ausreichend, um progressiven Wandel einzuläuten [10].

Darüber hinaus wird es in diesem Prozess darum gehen müssen, Denkmuster aufzubrechen, die sich ausgehend vom ökonomischen Feld in unser (Unter-)Bewusstsein geschoben haben. Ein Abschied vom Wachstumsparadigma wird demzufolge auch zu einer Neubewertung führen, was wir als Gesellschaft erhalten möchten (und was nicht) und welche Ziele wir uns für die Zukunft setzen. Dieser gesamtgesellschaftliche Prozess wird letztlich auch zu neuen «mentalen Infrastrukturen» führen, da individuelles Denken und gesellschaftlich-ökonomische Realitäten zwangsläufig zusammenhängen [10]. Letztlich muss es also eine Wechselwirkung zwischen praktischen Anpassungen im alltäglichen Leben, politisch-institutionellen Reformen und der individuellen Idee, was ein «gutes Leben» ausmacht, geben. Dabei muss einer gesellschaftlichen Mehrheit aufgezeigt werden, dass wir eine zukunftsfähige Wirtschaft nur gestalten können, wenn wir wirtschaftliches Wachstum nicht mehr ins Zentrum von Wirtschaftspolitik stellen. Doch dies ist nicht weiter problematisch, denn wir können gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Bedürfnisse auch ohne ein stetig steigendes BIP decken: Das zeigt uns die Wissenschaft bereits [11].

Referenzen

[1]

Blom, P.: Wir sind alle Kinder der Aufklärung. Festrede bei den Salzburger Festspielen, Salzburg, 4–11, 2018.

[2]

Hickel, J. and Kallis, G.: Is green growth possible? New Political Economy 25, 4, 2020.

Jackson, T. and Victor, P. A.: Unraveling the claims for (and against) green growth. Science 22, 366, 6468, 950-951, 2019.

Haberl, H. et al.: A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part II: synthesizing the insights. Environmental Research Letters, 15, 6, 2020.

[3]

O’Neill, D.W., Fanning, A.L., Lamb, W.F. et al.: A good life for all within planetary boundaries. Nature Sustainability, 1, 88–95, 2018.

[4]

Haberl, H., D. Wiedenhofer, D. Virág, et al. "A Systematic Review of the Evidence on Decoupling of GDP, Resource Use and GHG Emissions, Part II: Synthesizing the Insights." Environmental Research Letters 15 (6):065003, 2020.

Ward, J. D., P. C. Sutton, A. D. Werner, et al. 2016. "Is Decoupling GDP Growth from Environmental Impact Possible?" PLOS ONE 11 (10), 1–14, 2016.

[5]

Wiedmann, T., Lenzen, M., Keyßer, L.T. et al.: Scientists’ warning on affluence. Nature Communication, 11, 3107, 2020.

[6]

Hickel, J.: Less is More. London: Penguin Random House, 2020.

[7]

Das Ziel von Postwachstum ist somit nicht per se weniger oder kein Wirtschaftswachstum, sondern eine Verringerung des materiellen Durchflusses. Dies hätte jedoch höchstwahrscheinlich ein kleineres BIP zur Folge. Es muss allerdings betont werden, dass auch in einer Postwachstumsgesellschaft gewisse Wirtschaftsbereiche wachsen sollten (Bildung, Medizintechnik etc.). Gesellschaftlich sollte auf demokratischem Wege ausgehandelt werden, welche Bereiche dies sein sollten.

[8]

Kubon-Gilke, G.: Soziale Sicherung in der Postwachstumsgesellschaft, in I. Seidl und A. Zahrnt (Hrsg.): Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Metropolis Verlag, Marburg 2019, S. 193-205.

[9]

Kubon-Gilke, G.: Soziale Sicherung in der Postwachstumsgesellschaft, in I. Seidl und A. Zahrnt (Hrsg.): Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Metropolis Verlag, Marburg 2019, S. 193-205.

[10]

Welzer, H.: Mentale Infrastrukturen: Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam. Band 14, Schriftenreihe Ökologie. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2011.

[11]

O’Neill, D. W., A. L. Fanning, W. F. Lamb, et al. "A good life for all within planetary boundaries." Nature Sustainability 1 (2):88-95, 2018.

Millward-Hopkins, J., J. K. Steinberger, N. D. Rao, et al. "Providing decent living with minimum energy: A global scenario." Global Environmental Change 65:102168, 2020.

Vogel, J., J. K. Steinberger, D. W. O'Neill, et al. "Socio-economic conditions for satisfying human needs at low energy use: An international analysis of social provisioning." Global Environmental Change:102287, 2021.

Autor*innen

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.