Blade Runner

Weltuntergang und Hoffnungsschimmer - wieso wir Zukunft neu denken müssen

Überall wimmelt es von Geschichten vom Untergang der Menschheit. Solche Dystopien hinterlassen tiefe Spuren in unserem Denken. Können sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden?

Scheitert alles?

«Blade Runner» ist einer der Kultfilme des letzten Jahrhunderts. Der Film ist gut, das gezeichnete Bild von der Zukunft allerdings finster. Alles quillt vor Dreck und Werbung über. Die Leute sind verkommen. Echte Menschlichkeit suchen wir lange. Wir nehmen mit: Die Zukunft ist ein böser Ort. Wir steuern auf den Abgrund zu.

Der Film zeigt eindrucksvoll, wo wir als Gesellschaft nicht hinsteuern wollen. Damit ist er nicht allein. Ob in «Matrix», «Die Tribute von Panem» oder dem neusten Superhelden-Film, überall scheint die Menschheit bereits verloren. Auch im Gespräch, in den Nachrichten, in der Literatur stehen Krise und Untergang auf der Tagesordnung. Eine hoffnungsvolle Erzählung von der Zukunft suchen wir lange. Wieso eigentlich?

Weshalb wir Geschichten brauchen

Blicken wir einige Jahrtausende zurück. Nur allzu gut können wir uns vorstellen, wie frühe Menschen an einem Feuer sassen und sich vom scheidenden Tag erzählten. Von giftigen Früchten und fetter Beute. Aus einem kleinen Bären wurde schnell ein grösserer. Später erzählten sich Menschen, wie die Welt entstanden sein soll. Irgendwann wurden die Geschichten aufgeschrieben und noch weitergesponnen. Wer etwas wissen wollte, musste nicht dabei gewesen sein; eine Erzählung reichte.

Lange schon erklären Philosophen, wie wichtig Fiktion für uns ist. Der US-Philosoph Walter Fisher ging sogar so weit und behauptete, wir sollten uns auffassen als erzählende Menschen, als Homo narrans [1]. Ähnlich sieht es auch Werner Siefer. Dem Biologen zufolge hat der Mensch einen Erzählinstinkt [2]. In einer chaotischen Welt strebt der Mensch nach Sinn, durch die Denkstruktur von Geschichten findet er die benötigte Ordnung. Durch Geschichten werden neue Möglichkeiten aufgezeigt. So können wir in vielfältigen Kategorien denken. Viele Geschichten zu kennen, ist also wichtig.

Auch von der Zukunft erzählen wir uns Geschichten. Jeder Plan ist eine. Wenn wir nachdenken, was wir in nächster Zeit machen wollen, schaffen wir eine Erzählung von uns selbst. Anhand dieser Geschichte leben wir. Wenn wir verliebt sind, malen wir uns das Fantastischste aus; oft kollidiert unsere Vorstellung irgendwann mit der Realität. Wenn eine Geschichte scheitert, müssen wir sie so lange neu erzählen, bis sie sich wieder mit der Realität deckt. Für die Gesellschaft funktioniert es ebenso: Wenn wir an die Zukunft denken, denken wir über verschiedene Szenarien nach. Wir überlegen, wohin wir mit der Gesellschaft steuern wollen. Diese Geschichten geben uns Orientierung.

Das Böse lauert überall

Durch Geschichten lässt sich das Leben ordnen. Eine unübersichtliche Welt wird so begreifbar. Erfahrungen, Fähigkeiten, Informationen, vor allem aber Warnungen können einfach weitererzählt werden. Evolutionär ein kluges Werkzeug: «Iss diese Früchte nicht, sie sind giftig», ist für das Überleben einer Art hilfreich. Allemal besser als einen Artgenossen zu beobachten, der das Falsche isst und verendet. Deswegen erzählen wir Negatives häufiger als Positives. Eine Warnung kann Leben retten, ein gut gemeinter Hinweis nur nützlich sein.

Das Problem: Heute lauern Gefahren nicht mehr an jeder Ecke. Die Welt ist sicherer als früher, aber auch komplizierter. Trotzdem verleihen wir Negativem noch immer mehr Gewicht. Unsere Aufmerksamkeit widmen wir Schocks und Katastrophen.[3] Endzeitblockbuster ziehen viele in die Kinos. Grosse, hoffnungsvolle Erzählungen, in denen die Gesellschaft Herausforderungen meistert, sind kaum zu finden. Es scheint, als hätten die Dystopien die Utopien geschlagen.

Das ist fatal für eine Gesellschaft. Je öfter wir ein Motiv erzählen oder hören, desto tiefer frisst es sich ins Hirn. Wir lernen, in diesem Schema zu denken. Durch negative Geschichten lernt der Mensch aber nur, was er meiden soll. So werden wir dazu verleitet, überall das Scheitern zu sehen. Dazu kommt: Wenn wir schlechte Möglichkeiten sehen, warten wir lieber erst einmal ab. Gefährlich bei Klimawandel, Corona und Echokammern, wo Abwarten schlimmstenfalls Leben kostet. So können Geschichten zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Damit Gutes geschehen kann, brauchen wir mannigfaltige Möglichkeiten für Gutes. Wir brauchen Erzählungen davon, wie Gesellschaft besser funktionieren kann. Nur wenn wir gute Möglichkeiten sehen, können wir bessere Entscheidungen treffen. So können wir Zukunft neu denken.

Von neuen Gedanken

Es gibt Autoren, die behaupten, alle Geschichten lassen sich zurückführen auf eine Handvoll Archetypen [4]. Demnach ist alles bereits erzählt worden. Bühne und Ensemble wechseln zwar, der Kern indes bleibt gleich. Dass es Geschichten mit gutem Grundgerüst wie Komödien gibt, steht ausser Frage. Jetzt sollten wir ein neues Narrativ verinnerlichen. Ein Narrativ, in dem die Menschheit nicht scheitert, in dem Gutes gelingen kann. Wir brauchen grosse Erzählungen, die die Menschen fesseln und nicht nur ein kleines Publikum belehren wollen. Alle sollten daran teilhaben.

Schon lange erzählen Menschen Geschichten. Wir sollten uns fragen: Welche Geschichten wollen wir erzählen? In welchen Strukturen wollen wir denken?

2019, das Jahr, indem der erste «Blade Runner» spielt, liegt bereits hinter uns. Jetzt sollten wir über 2049, das Jahr der Fortsetzung, nachdenken.

Also lasst uns Geschichten vom Gelingen erzählen! Lasst uns träumen!

Quellen

[1]

Walter R. Fisher: Narration as a Human Communication paradigm: The Case of Public Moral Argument.

[2]

Werner Siefer: Der Erzählinstinkt: Warum das Gehirn in Geschichten denkt. München 2015.

[3]

Hans Rosling: Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Berlin 2018.

[4]

Christopher Booker: The Seven Basic Plots: Why We Tell Stories. 2004.

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Utopia - Dystopia in Vergangenheit und Gegenwart» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von Reatch. Den Originalbeitrag gibt es hier.

Autor*innen

Thore Schönfeldt studiert Kognitionswissenschaft. Mit Geschichten und deren Strukturen beschäftigt er sich schon seit Jahren bei den Lübecker Bücherpiraten.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.