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Warum Katzen keine Gedichte schreiben

Nikola Kompa erklärt, was die Philosophie zur Sichtweise der Biologie auf die menschliche Sprache beitragen kann und zeigt im Gespräch eindrücklich auf, was durch Sprache alles möglich wird.

Die Biologie stösst an ihre Grenzen sobald man, zum Beispiel beim Thema Sprache, über die Funktionalität hinausdenken möchte. Nach Prof. Dr. Nikola Kompa kann die Philosophie hier weiterhelfen. Sie ist Professorin für Philosophie an der Universität Osnabrück. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Sprachphilosophie und der Erkenntnistheorie. Sie forscht zu einer empirisch informierten Theorie der Sprache und ihres kognitiven Nutzens. Diesem Thema nähert sie sich durch Untersuchungen zur Sprachevolution und durch den Vergleich zwischen Tier und Mensch.

In einem Interview während der Sommerakademie «Der feine Unterschied – Was unterscheidet Mensch und Tier?» erzählt Kompa, dass man sich in der Philosophie schon lange Gedanken zur Sprache gemacht und auf abstraktem Niveau gefragt hat: Was ist Sprache eigentlich? Antworten auf diese Frage gibt es viele: So kann man Sprache zum Beispiel als ein System betrachten, bei dem man Zeichen nach Regeln kombiniert. Man kann sie als eine menschliche Tätigkeit betrachten, als soziale Interaktion. Oder man kann Sprache als ein biologisches Phänomen betrachten und die Sprachfähigkeit in den Blick nehmen.

Unterschiedliche Sprachbilder begünstigen unterschiedliche Beobachtungen

«Je nach Sprachbild bekommt man verschiedene Phänomene in den Blick und hält unterschiedliche Phänomene für erklärungsbedürftig», so Kompa. Geht man zum Beispiel von einem Systembegriff der Sprache aus, fällt auf, dass Sprache unglaublich produktiv ist; dass man beliebig viele neue Sätze bilden kann, weil man aus bekannten Bestandteilen Neues bilden kann. Wird Sprache als soziale Tätigkeit betrachtet, gerät eher die Konventionalität der Sprache in den Fokus – die Tatsache, dass sich Menschen auf gewisse Bedeutungen von sprachlichen Einheiten wie zum Beispiel Wörtern einigen müssen, um sich verständigen zu können. Betrachtet man Sprache mit einer «biologischen Brille», rückt der kognitive Nutzen stärker ins Zentrum.

«Die Philosophie spielt mit diesen Bildern», sagt Kompa. Dabei komme die biologische Funktion in der philosophischen Debatte nicht so sehr zum Tragen. Das Verständnis von Sprache als System oder als soziale Tätigkeit wurde jedoch in der Philosophie bereits häufig und seit langem diskutiert.

Woher kommt Sprache?

Im 17. und 18. Jahrhundert habe man begonnen, sich über den Sprachursprung Gedanken zu machen. Das war noch vor Darwin, noch ehe von Evolutionsbiologie die Rede war. «Natürlich», so Kompa, «lautete die vorherrschende Meinung, die Sprache sei ein Geschenk Gottes.»

Die Menschen haben jedoch vorsichtig angefangen zu überlegen, ob es nicht auch einen natürlichen Ursprung der Sprache geben könnte. Man kam schnell auf die Idee, dass Sprache Denken bedingt, also muss sie zusammen mit dem Denken evolviert sein. Ebenfalls kam man auf die Idee, so zum Beispiel Rousseau, dass Sprache Gesellschaft bedingt und die beiden also ebenfalls zusammen evolviert sein müssen.

Sprachevolution und Entwicklung der Menschen zusammendenken

Dieses zusammenhängende Denken kann helfen, Sprache noch besser zu verstehen. Denn auch wenn wir gewisse Voraussetzungen für die Sprache festmachen können – wie die Fähigkeit, Laute zu bilden – erklärt das unsere Sprachfähigkeit noch nicht in vollem Umfang. «Man muss rekonstruktiv arbeiten und sich überlegen, welche kulturellen Entwicklungen die Sprache braucht», so Nikola Kompa. Als Beispiel nennt sie den Werkzeuggebrauch: Wie kann man einen bestimmten Vorgang so vermitteln, dass die nächste Person ihn möglichst korrekt ausführen kann? Neben dem blossen Vorzeigen ist die Sprache dabei sehr nützlich. «Gerade bei komplexen Werkzeugen ist das wichtig – sonst macht man alles kaputt.»

Auf diese Weise könne man rekonstruieren, wann die Werkzeuge und die zur Erklärung der Werkzeuge verwendete Sprache entstanden sein könnten. Weiter kann man sich überlegen: Welche kognitiven Voraussetzungen waren bei der Entstehung vorhanden? Welchen adaptiven Nutzen hat eine ‘Protosprache’ wohl gehabt? Und welcher Selektionsdruck könnte die Entwicklung hin zu einer sprach-fähigen Spezies begünstigt haben? «Solche Überlegungen sind natürlich spekulativ», meint Kompa. «Biologen, Psychologen und Anthropologen müssen zusammenarbeiten, um verschiedene Modelle zu entwickeln.»

Alles ist möglich

Ist Sprache erst einmal da, ermöglicht sie viele weitere Dinge. «Plötzlich ist alles möglich», so Kompa. Die Kommunikationsmöglichkeiten werden vervielfacht, abstraktere Notationssysteme können entstehen, wie zum Beispiel die Zahlen in der Mathematik. «Man kann sich schwer eine Spezies vorstellen, die Zahlen benutzt, aber keine Sprache», meint Kompa dazu. Zuerst braucht es die Idee von Sprache; von Zeichen, die eine Funktion haben. Danach erst sei der Abstraktionsschritt möglich, noch abstraktere Zeichen für abstrakte Zusammenhänge zu benutzen.

Einer These zufolge haben die Menschen angefangen, sich Sprache zuzulegen, als die Gruppengrösse wuchs. Schimpansen und Gorillas bilden sogar zahlreiche Kleingruppen, die über die Familie hinausgehen. Diese sozialen Bande werden durch das «grooming» gepflegt – die gegenseitige Fellpflege –, wobei beträchtliche Mengen Endorphin ausgeschüttet werden. In einer Gruppe von 300 oder mehr Individuen ist das jedoch zu zeitaufwendig. Um trotzdem soziale Allianzen zu knüpfen, wäre Sprache sehr praktisch. Man kann mehrere adressieren (Man kann zum Beispiel sagen: «Ich habe euch alle lieb!» ohne alle zu kraulen) und gleichzeitig noch andere Dinge tun, wie jagen oder den Nachwuchs tragen. «Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten», sagt Kompa. So zum Beispiel auch die Möglichkeit, übereinander zu reden, für sich selbst zu werben oder andere zu sanktionieren.

Geschichten erzählen

In einer grösseren Gesellschaft, in der nicht mehr jede*r jede*n kennt, erzählt man sich beim Kennenlernen gegenseitig etwas über sich. Sprache hat dabei eine spezielle Eigenschaft: Wir können mit ihr die Wirklichkeit anders darstellen, als sie ist. Der Vorteil dabei ist, dass wir jetzt Geschichten erzählen können; auch über die Vergangenheit. Die Kehrseite: Wir können dadurch auch lügen. «Weil ich die Welt anders darstellen kann, als sie ist, kann ich sagen, dass da hinten ein tolles Mammut steht, obwohl dort in Wirklichkeit der Löwe lauert.»

Komplexität hat ihren Preis: es entstehen Täuschungs- und Missbrauchsmöglichkeiten. Bei der Intelligenz könne man sich laut Kompa deshalb ebenfalls die Frage stellen, ob sie von Vorteil sei, da wir dadurch mehr Möglichkeiten zur Täuschung haben.

Was wir aber mit unserer Sprache machen können, gehe noch weiter, sagt Kompa: «Ich kann die Ideen, den Geist der anderen, steuern. Ich sage einen Satz und du hast ein Bild im Kopf.» Wir gewinnen so Kontrolle über den Geist von anderen, aber auch über unseren eigenen Geist. Sobald man ein Wort willentlich hervorrufen könne, ohne auf die Umwelt angewiesen zu sein, habe man die Möglichkeit, einen Schritt zurückzutreten und über Handlungsoptionen nachzudenken. «Natürlich war es auch für unsere Spezies oft sinnvoll, schnell zu reagieren, aber eben nicht immer.» Dieses Distanzschaffen – auch zur Umwelt –, den Geist bewegen zu können, ohne dass in der Umwelt etwas passiert, worauf man direkt reagiert, einfach nur zu sitzen und zu denken; das habe man bei Tieren nicht viel beobachtet. Bei uns Menschen gibt es aber tatsächlich einen nicht direkt funktionalen Leerlauf, der kognitiv sehr wertvoll ist.

Sprache um der Sprache Willen?

Kann Sprache sich aber komplett von jeglicher Funktion loslösen? «Ich möchte die Frage gerne mit 'ja' beantworten», überlegt Dr. Kompa. «Vielleicht ist dem so, weil wir uns gerne nicht (nur) als biologische Wesen verstehen möchten, die lediglich funktionieren müssen. Vielleicht ist das etwas idealisiert, aber ich finde es dennoch eine schöne Idee. Manchmal gibt es aber bestimmt auch eine Mischung aus Funktionalität und Loslösung von ebendieser.» Bei Gedichten sei der Reim früher insofern funktional gewesen, als die Texte so leichter abrufbar waren und er sich dadurch zur mündlichen Überlieferung besser eignete. Gleichzeitig gäbe es bei den Reimen womöglich auch ein ästhetisches Empfinden, das mitspiele. Bei Kant ist die Ästhetik das interessenlose Wohlgefallen. «Vielleicht ist dies der feine Unterschied: dass wir nicht immer bloss auf die Funktionalität achten müssen, sondern es uns manchmal leisten können, etwas Schönes ohne Nutzen zu produzieren.»

Dazu muss man aber auch erst mal Zeit haben, erklärt Kompa: «Wenn du den ganzen Tag damit beschäftigt bist, dein Feld zu bestellen oder deine Kinder zu stillen: Wann soll man interesselos an eine Sache rangehen? Es muss viel Arbeitsteilung geben, es muss schon viel Kultur geben, eine soziale Gesellschaft, die Musse erlaubt. Das ist wahrscheinlich schon etwas sehr Modernes.» Natürlich sei so etwas wie Musse auch bei Tieren zu beobachten, wenn zum Beispiel eine Katze tatenlos in der Sonne liegt. Dennoch sei es nicht dasselbe: «Sie tut das vielleicht auch, weil sie weiss, dass das Essen schon bereitsteht, oder vielleicht ist sie eine gute Jägerin. Aber sie schreibt in der Zeit trotzdem keine Gedichte.»

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Der feine Unterschied – Was unterscheidet Mensch und Tier?» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von Reatch. Den Originalbeitrag gibt es hier.

Autor*innen

Autor*in

Selina Widmer studierte Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften sowie Philosophie an der Universität Zürich und begleitete die Sommerakademie mit Reatch redaktionell.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.