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Vorsicht vor voreiligen Schlüssen - Warum die Studie von Pound & Bracken kritisch zu betrachten ist

Kürzlich besprach Servan Grüninger im Polit-Blog des Tages-Anzeigers die Bedeutung von Tierversuchen für die Grundlagenforschung und die angewandten Wissenschaften. Daraufhin wurde in den Kommentarspalten mehrmals auf eine Studie verwiesen, welche angeblich den fehlenden Nutzen von Tierexperimenten aufzeigen soll. Diese Leseart hält einer genauen Betrachtung aber nicht stand.

Vergangenen Mittwoch, 01. Oktober, erschien ein Kommentar von mir im Polit-Blog des Tages-Anzeigers, in dem ich unter anderem die Bedeutung von Tierversuchen in der Grundlagenforschung und den angewandten Wissenschaften erläutere. Dabei führte ich zahlreiche Beispiele für klinische Erfolge und Therapien auf, welche massgeblich von Experimenten an Tieren profitiert haben.

Trotzdem wurden in den Kommentarspalten des Tages-Anzeigers Stimmen laut, welche Tierversuchen in der Forschung einen Nutzen absprechen. Oft geschah dies mit Verweis auf eine im Mai dieses Jahres publizierte Untersuchung von Pound & Bracken – dies obwohl die beiden Autoren selbst erklären, dass ihr Artikel nicht als grundsätzliche Kritik von Tierversuchen zu verstehen ist, sondern sich nur gegen schlecht geplante und ausgewertete Experimente ausspricht. Zudem halten längst nicht alle der in der Studie gemachten Schlüsse einer näheren Betrachtung Stand, was auch bereits von verschiedenen Seiten kritisiert wurde (zum Beispiel hier, hier und hier).

Nachfolgend gehe ich deshalb auf vier Kernelemente des Artikels ein und werde diese kritisch beleuchten.

Verbesserung von Methodik, Auswertung und Aufsicht von Tierversuchen

Verschiedene Vorschläge der Autoren sind grundsätzlich zu befürworten, wurden aber – zumindest in der Schweiz – schon umgesetzt. So sind die von Pound & Bracken empfohlenen ARRIVE-Richtlinien (Animals in Research: Reporting In Vivo Experiments) fast deckungsgleich mit den im Schweizerischen Tierschutzgesetz (TSchG, Art. 16 ff.) und in der Tierschutzverordnung (TSchV, Art. 128ff.) festgehaltenen Auflagen zur Durchführung von Tierversuchen. Zudem ist der Bund nach Art. 20a TSchG und Art. 145a TSchV bei jedem Versuch dazu verpflichtet, die Öffentlichkeit über den Versuchszweck, die Fragestellung, die Anzahl der eingesetzten Tiere sowie den Schweregrad der Belastung zu informieren; entsprechend ist die Forderung nach einer öffentlichen Aufsicht ebenfalls bereits realisiert.

Und auch dem Ruf nach einer ausreichenden methodischen Schulung der versuchsdurchführenden Personen ist die Schweiz längst nachgekommen: Sämtliche Wissenschaftler, die mit Tieren arbeiten, sind zum Besuch von sogenannten Labortierkursen verpflichtet. Die Teilnehmer werden darin über die rechtlichen, ethischen, biologischen und veterinärmedizinischen Aspekte von Tierversuchen unterrichtet und in der Durchführung der Experimente geschult. Überdies erhalten sie Informationen über Möglichkeiten zur Verminderung der Anzahl und Belastung der Tiere im Tierversuch.

Es fehlen jedoch in der Tat obligatorische Kurse, welche Wissen über die langfristige Planung von Experimenten, das korrekte Versuchsdesign und die statistisch saubere Auswertung der Ergebnisse vermitteln. Solche Kurse wären aber für alle Wissenschaftler von Nutzen – und nicht nur für jene, welche mit Tieren arbeiten.

Auch andere Forderungen von Pound & Bracken sollten nicht auf die tierexperimentelle Forschung beschränkt werden. So kritisieren die Autoren beispielsweise, dass Tierexperimente oft methodische Mängel aufweisen und negative Resultate zu selten veröffentlicht würden. Diese Kritik ist jedoch allzu einseitig: Zwar ist es in der Tat so, dass negative Resultate kaum publiziert werden und positive Ergebnisse verzerrt sein können, doch handelt es sich dabei um ein Problem, das die Wissenschaft als Ganzes und nicht die tierexperimentelle Forschung im Speziellen betrifft. Insofern ist nicht ersichtlich, warum die von den Autoren geforderten Massnahmen nur bei Experimenten mit Tieren zur Anwendung gelangen sollen. Die Publikation negativer Resultate, eine Vorabregistrierung von wissenschaftlichen Studien sowie die Förderung von sogenannten Meta-Analysen könnten auch in anderen Wissenschaftsbereichen einen Mehrwert darstellen.

Die klinische Aussagekraft von Tierversuchen

In einem zweiten Teil versuchen die Autoren aufzuzeigen, dass die Mehrheit der Tierversuche keinen klinischen Nutzen für den Menschen erbringt. Die Auswahl der zitierten Studien ist jedoch eher einseitig und unterschlägt Untersuchungen, welche zu einem anderen Schluss kommen (zum Beispiel hier, hier und hier).

Zudem hatten sie in einem 2004 erschienen Artikel selbst festgehalten, dass Tierversuchsstudien sehr wohl klinische Aussagekraft besitzen – solange nicht nur einzelne Experimente betrachtet, sondern möglichst viele Ergebnisse zusammengetragen und entsprechend ausgewertet werden. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass es in gewissen Fällen von Vorteil ist, mehr (und nicht weniger!) Experimente an Tieren durchzuführen, um die wissenschaftliche Aussagekraft und damit den Nutzen für den Menschen zu erhöhen.

Reproduzierbarkeit von Tierversuchen

Des Weiteren stellen Pound & Bracken den klinischen Nutzen von Tierversuchen in Frage. Sie zitieren dazu unter anderem eine Studie, welche aufzeigt, dass die Ergebnisse aus Tierversuchen in 37% der Fälle bei Menschen reproduziert und in 18% der Fälle widerlegt wurden. Dabei interpretieren sie diese Ergebnisse als Nachweis für die mangelnde Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen.

Eine Untersuchung des klinischen Nutzens von Tierversuchen macht aber nur dann Sinn, wenn wir einen Vergleich mit dem klinischen Nutzen von Erstversuchen an Menschen ziehen. Eine entsprechende Studie zeigt dabei, dass die untersuchten Experimente in 44% der Fälle reproduziert und in 16% der Fälle widerlegt wurden. Der Unterschied zu den Erfolgs- und Misserfolgsraten bei der Replikation von Tierversuchsstudien ist also nicht besonders gross. Tierversuche scheinen demnach nicht prinzipiell weniger Erkenntnisse zu liefern als klinische Studien an Menschen.

Was überdies auffällt: Fast die Hälfte (45%) der untersuchten tierexperimentellen Studien wurde überhaupt nicht an Menschen getestet. Das heisst jedoch nicht, dass die entsprechenden Ergebnisse wertlos wären oder keinen Wissensgewinn bedeuten würden. Denn viele Untersuchungen werden zuerst an weiteren Tiermodellen wiederholt und erst im Anschluss daran auf den Menschen übertragen.

Was ist wissenschaftlicher Nutzen?

Bei der Lektüre des Artikels fällt zudem auf, dass der verwendete Nutzenbegriff sehr eng gefasst ist. Ein Tierversuch scheint aus Sicht der Autoren nur dann einen Nutzen zu haben, wenn die Ergebnisse des Experimentes direkt und zeitnah in klinische Versuche münden. Die von Pound & Bracken zitierten Studien erheben deshalb die Anzahl Publikationen, welche zu einem erfolgreichen klinischen Versuch führen, zum Massstab für wissenschaftlichen Erfolg.

Dass dieses Vorgehen ausgesprochen kurzsichtig ist, habe ich in meinem letzten Eintrag ausführlich erläutert. Wenn wir die naturwissenschaftliche Forschung nur durch die Brille der klinischen Verwertbarkeit sehen, dann torpedieren wir damit eben diese Verwertbarkeit. Denn viele der Studien, welche klinisch relevant sind, bauen auf Ergebnisse aus der Grundlagenforschung auf. Deren Bedeutung lässt sich jedoch nicht sofort erkennen, sondern entwickelt sich in der Regel erst im Laufe der Zeit, indem andere Wissenschaftler die entsprechenden Experimente wiederholen, erweitern und ergänzen.

Zukünftige Studien, welche den wissenschaftlichen Nutzen von Tierversuchen bewerten, sollten deshalb Publikationen der Grundlagenforschung mitberücksichtigen.

Fazit

Die Einhaltung grundlegender wissenschaftlicher Standards ist in jedem Fall zu empfehlen und sollte nicht davon abhängen, ob an Tieren geforscht wird oder nicht. Aus diesem Grund ist es irreführend, wenn Pound & Bracken nur im Zusammenhang mit Tierversuchen darauf verweisen. Zudem ist der im Artikel verwendete Nutzenbegriff ausgesprochen fragwürdig. Wer bei einer wissenschaftlichen Nutzenanalyse die Grundlagenforschung im Voraus ausschliesst, der verkennt, dass Forschung nicht linear ist und dass viele Erkenntnisse zuerst an unterschiedlichen Tiermodellen untersucht werden müssen, bevor sie sich auf den Menschen übertragen lassen. Klinische Forschung ohne Grundlagenforschung betreiben zu wollen, ist zu vergleichen mit dem Bau eines Hauses ohne Fundament: In gewissen Fällen gelingt das Unterfangen, aber allzu oft stürzt das Gebilde in sich zusammen.

Autor*innen

Autor*in

Präsidium, Fundraising

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von Reatch. Er hat sein Studium mit Politikwissenschaften und Recht begonnen und mit Biostatistik und Computational Science abgeschlossen. Zurzeit doktoriert er am Institut für Mathematik der Universität Zürich in Biostatistik. Weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.

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