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Von der Debatte zum Dialog zwischen Politik und Wissenschaft

Welche Erwartungen haben Politik und Wissenschaft aneinander? 2021 hat sich unsere Autorin mit Politiker*innen und Wissenschaftler*innen zusammengesetzt, um zu erfahren, was aus ihrer Perspektive eine gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik ausmacht. Im Text fasst sie zusammen, worauf es in Zukunft zu achten gilt, wenn der Dialog und die Synergien zwischen Politik und Wissenschaft gefördert werden sollen.

In 2021 habe ich mich mit Politiker*innen und Wissenschaftler*innen zusammengesetzt, um zu erfahren, was aus ihrer Perspektive eine gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik ausmacht. Insbesondere wollte ich mehr über gegenseitige Erwartungen hören und herausfinden, wo es Potenzial aber auch Hürden gibt, auf die wir achten sollten, wenn wir im Rahmen des Franxini-Projekts den Dialog und Synergien zwischen Politik und Wissenschaft fördern möchten. Dafür habe ich mehrere Interviews mit Betroffenen durchgeführt. Diese sind nicht nur ein zentraler Teil meiner Arbeit, sondern meiner Meinung nach auch ein wesentlicher Bestandteil einer lernenden Organisation.

Folgende Aspekte haben sich in den Gesprächen herauskristallisiert und sind für Organisationen wie Reatch und das Franxini-Projekt, welche den Dialog zwischen Politik und Wissenschaften fördern möchten, wichtig [1]:

Vorausschauende & iterative Zusammenarbeit fördern.

  • Es braucht einen regelmässigen Austausch zwischen Wissenschaften und Politik. Dieser sollte kontinuierlich und vorausschauend und nicht bloss reaktiv sein.

Diversität.

  • Es ist wichtig, auf diverse Repräsentation der Teilnehmer*innen und Referent*innen achten.

Starke Dichotomien vermeiden und Vielfalt anerkennen.

  • Auch wenn man oft von «zwei Welten» spricht, sind sich diese häufig ähnlicher als gedacht. Wenn Politiker*innen und Wissenschafter*innen wiederholt in zwei Kategorien aufgeteilt werden, laufen wir Gefahr, Stereotypen zu stärken, statt Neues aufzubauen.

Klein, lokal, informell.

  • Handlungen, die versuchen allgemeingültig zu sein, sind nicht immer zielführend, denn sie können lokale Effekte vernachlässigen. Entsprechend sollten wir «nicht nur mit Glanz und Gloria Leute zusammenbringen,» sondern im kleinen lokalen Rahmen oder auch an informellen Veranstaltungen Leute in Verbindung setzen.

Informelle Kontakte aufbauen.

  • Es ist wichtig, dass Themen mit gelebten Leben verknüpft werden und gelebte Erfahrungen eingebracht werden. Entsprechend sollte zum Beispiel nicht nur mit den Expert*innen das Gespräch über Nachhaltigkeit gesucht werden, sonder auch mit Landwirt*innen.

Respekt und aktives Zuhören.

  • Einander respektieren. Zuhören, nicht nur sprechen, das Vertrauen folgt.

  • Verständnis für die verschiedenen Sprachen haben und dabei auf Fachausdrücke verzichten, wo sie nicht notwendig sind.

  • Anerkennen, dass zwar jeder sein Wissen und seine Erfahrungen hat, man gemeinsam aber mehr erreichen kann.

  • Offenheit und die Einstellung, dass man voneinander lernen kann. Denn letztendlich ist man aufeinander angewiesen.

«Tendenziell schaut man viel zu viel in den Spiegel, aber nicht so viel aus dem Fenster.»

Von der Debatte zum Dialog

Auch wenn meine Ansprechpartner*innen unterschiedliche Aspekte genannt oder betont haben, waren sich alle einig: Zuhören, Offenheit, Gesprächsbereitschaft und Respekt sind wichtige Voraussetzungen einer Zusammenarbeit. Zwei Äusserungen bringen das schön auf den Punkt: «Es braucht einen Dialog zwischen den zwei Welten, und dabei sind Vermittler wie z.B. das Franxini-Projekt wichtig.» und «Wissenschaftler*innen und Politiker*innen müssen dialogfähig sein und auf autoritäre Prestige-Positionen verzichten können.»

Als Moderatorin und Prozessbegleiterin ist mir aber allzu bewusst, dass diese Fähigkeiten leider nicht einfach so vorhanden sind. Leute zusammenbringen ist noch keine echte Zusammenarbeit, miteinander diskutieren ist noch kein konstruktiver Dialog.

Die am häufigsten verwendete Form von Interaktion in der Politik wie in der Wissenschaft ist die Debatte. Debatten ermöglichen es, verschiedene Perspektiven offenzulegen, diese zu hinterfragen und zu versuchen, diese mit weiteren Argumenten zu konfrontieren. Doch wenn wir Neues lernen wollen, Kreativität suchen und innovativ denken wollen ist diese Art von Gesprächsform ungenügend.

Denn in einer Debatte bleiben die Teilnehmenden oft in ihrer Gedankenwelt gefangen. Dadurch fällt es schwer, das Wissen neu zu ordnen und gemeinsam Neues zu entwickeln. Isoliertes Streben nach Positionen und Verteidigen der eigenen Grenzen fördern aber lediglich ein einsames Denken. Vielleicht auch aufgrund von Zeitmangel oder um das Gefühl, nicht gehört zu werden, zu vermeiden, wird oft auch in informellen Gesprächen von Politiker*innen oder Wissenschaftler*innen einfach das eigene Wissen oder die eigene Perspektive «platziert». Der Dialog kommt dabei zu kurz.

Was aber ist ein richtiger Dialog? Die folgende Übersicht stellt die Theorie der 4 Ebenen des Gesprächs dar, insbesondere des Zuhörens [2], und zeigt deren Zusammenhang.



Wie aber fördern wir empathisches und schöpferisches Zuhören? Wie setzen wir die oben genannten Voraussetzungen in der Realität um? Zum Abschluss ein paar Erkenntnisse und Ideen, die ich in Zukunft weiterverfolgen möchte:

    • Informelle Austauschmöglichkeiten schaffen, z. B. durch genügend Zeit im Programm für Pausen und persönlichen Austausch.

    • Einen sicheren Raum bieten, z. B. durch das Einführen von Gesprächsregeln, durch klare Ziele und Prozesse und durch die Wertschätzung aller Teilnehmenden. Es kann helfen, die Form der Zusammenarbeit und des Austausches explizit zusammen zu besprechen und festzulegen.

    • Kleinere Anlässe organisieren, bei denen sich Teilnehmende im Kreis begegnen (anstatt in hierarchischen Konstellationen). Der Ort und die Raumeinrichtung spielen generell eine wichtige Rolle; können sich in diesem Rahmen die Leute auch von ihren professionellen Rollen etwas distanzieren und sich auf Augenhöhe begegnen?

    • Auch die «Ich»-Perspektive fördern, sprich nicht nur Theorien austauschen, sondern auch persönliche Erfahrungen und Gedanken teilen. Dies macht ein Gespräch interessanter und bringt die Leute näher zueinander.

    • Aktives Zuhören fördern, in dem die Reflektion statt die Reaktion gestärkt wird, z. B. durch moderierte Kleingruppen-Diskussionen in denen alle zu Wort kommen, und wo ab und zu auch Zeit gegeben wird, zuerst einzeln Notizen zu einer Frage zu machen.

    Ich hoffe, dass diese Ideen hilfreich sind und würde mich freuen, auch von Deinen Erfahrungen zu hören. Denn auch hier können wir uns gegenseitig am Besten weiterentwickeln, wenn wir unsere Erfahrungen im konstruktiven Dialog teilen.

    Anmerkung

    [1]

    Die Zitate sind Originalwortlaute aus den Gesprächen.

    [2]

    Presencing Institute, Otto Scharmer, Theory U: 4 levels of listening.

    Autor*innen

    Anna Krebs

    Autor*in

    Projektleiterin Franxini-Projekt

    Anna Krebs ist Projektleiterin des Franxini-Projekts und betreut das Franxini Policy Innovation Hub Förderprogramm. Ihre Expertise liegt in Bereichen Soziale Innovation, partizipative Gruppenprozesse, Facilitation und Coaching.

    Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.

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