Vigan Kalesa

Vigan: Zwischen Weltkulturerbe und Hollywood

Scrollt man sich durch die Liste des UNESCO-Welterbes, kommt Fernweh auf. Einige der schönsten Orte auf der Welt sind dort versammelt. Darunter die Küstenstadt Vigan auf den Philippinen. Deren lokale Regierung möchte das Welterbe als «Werkzeug der Entwicklung» gebrauchen. Davon profitieren jedoch nicht alle.

Mit einem Antike-interessierten Onkel kannte ich die sieben Weltwunder als Kind nur zu gut. Begeistert betrachtete ich Darstellungen der Zeus-Statue, der Pyramiden von Gizeh oder des Tempels der Artemis. Heute verbinde ich mit Weltwundern viel eher die Denkmäler, Naturgebilde und Stätten, die als Weltkultur oder -naturerbe in die Liste der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) aufgenommen wurden.

Ziel des UNESCO-Welterbes ist der Schutz von Natur- und Kulturdenkmälern mit «aussergewöhnlichem, universellem Wert» vor bewaffneten Konflikten, vorsätzlicher Zerstörung, wirtschaftlichem Druck, Naturkatastrophen und dem Klimawandel. Möchte ein Staat, dass sein potenzielles Kultur- oder Naturerbe in die UNESCO-Liste aufgenommen wird, muss er dies beim Welterbekomitee beantragen. Internationale Expert*innen beurteilen, ob eine Aufnahme gerechtfertigt ist oder abgelehnt werden soll. Die 21 gewählten Staaten, die das Welterbekomitee bilden, stimmen dann über den Antrag ab. [1]

Die Welterbe-Liste wird immer länger. Neben grossen Namen wie dem Great Barrier Reef, der Grossen Mauer oder Stonehenge sind auch eher unbekanntere Orte darauf zu finden, wie die historische Hafenstadt Levuka, das Kloster Gelati in Georgien [2] oder Weltkulturerbe Nr. 502: die historische Altstadt Vigans [3], von der die Ethnologin Sara Dürr anlässlich eines Vortrags im Rahmen der Sommerakademie «Sklaven, Gold & Starbucks: Lokale Lebensweisen und globale Verflechtungen» berichtet.

Ein Masterplan mit Auszeichnung

Den Titel «Weltkulturerbe» trägt Vigan seit 1999, berichtet Dürr. Die UNESCO bezeichnet die im 16. Jahrhundert gegründete Küstenstadt als «das am besten erhaltene Beispiel einer geplanten spanischen Kolonialstadt in Asien» [3]. Vigans Architektur spiegle «das Zusammentreffen kultureller Elemente aus anderen Teilen der Philippinen, aus China und aus Europa» wider [3]. Wie das aussieht, zeigt sich auf Sara Dürrs Fotografien, die sie während ihrer Feldforschung in Vigan aufnahm: traditionelle ancestral houses, Pärke und Gebäude im spanischen Kolonialstil, kalesas genannte Pferdekutschen und Antiquitätengeschäfte in der historischen Altstadt.

Ob mit oder ohne UNESCO-Titel − der Stadtverwaltung Vigans liegt viel an der weiteren Entwicklung, dem Schutz und Erhalt des kulturellen Erbes ihrer Stadt. Deshalb setzte sie 1999 den Master Development Plan for the Revitalization of the Historic Center of Vigan auf. Das Welterbe wurde dabei zum «Werkzeug der Entwicklung» erklärt, um die folgenden Ziele zu erreichen: (1) das Identitätsgefühl und den Stolz der lokalen Bevölkerung stärken, (2) lokale Schutzmassnahmen und Entwicklungspläne institutionalisieren, (3) Verbindungen mit lokalen und internationalen Organisationen knüpfen sowie (4) Vigan als Tourismus-Ziel etablieren. Für die Umsetzung dieser Ziele zeichnete die UNESCO Vigan 2012 als Best Practice in World Heritage Site Management aus. Besonders der Einbezug unterschiedlichster sozioökonomischer Gruppen wurde dabei gelobt. [4]

Die Bestrebungen der lokalen Regierung trugen schon bald Früchte: Die Bewohner*innen Vigans sind stolz auf ihre Stadt. Das zeigte sich auch anhand des Titels «New7Wonders City» 2014. Nur durch eine rege Teilnahme der ganzen Bevölkerung über die sozialen Medien und Telefon-Voting konnte dieser Titel erlangt werden. Sara Dürr stellte deshalb während ihrer Feldforschung überrascht fest, dass dieser Titel bei der lokalen Bevölkerung Vigans viel präsenter ist als das UNESCO-Weltkulturerbe.

Weltkulturerbe – der Weg zu einem besseren Leben für alle?

Auf den ersten Blick scheinen die Ziele der Stadtverwaltung lobenswert und die erlangten Auszeichnungen gewinnbringend für alle Beteiligten. Die Wirtschaft Vigans blühte auf, die Küstenstadt wurde zu einem beliebten Tourismusziel und erlangte internationale Bekanntheit.

Mit einem ersten Blick geben sich Ethnolog*innen jedoch selten zufrieden. So auch Sara Dürr, die sich für die Wechselwirkungen zwischen dem globalen Konzept des UNESCO-Welterbes und den lokalen Lebensweisen Vigans interessierte: Wie beeinflusst der Weltkulturerbe-Titel und der Fokus der Regierung auf das Erbe die Stadt und seine Bevölkerung? [4]

Ein Gebiet stand für Sara Dürr dabei besonders im Fokus: die Armensiedlung Hollywood am nördlichen Rand Vigans.

Von Hollywood nach Shelterville

Die etwas überraschende Bezeichnung Hollywood zeugt vom an Galgenhumor grenzenden Witz seiner Bewohner*innen, wie Sara Dürr erklärt. Die Siedlung liegt am nördlichen Rand der Stadt. Vor allem in der Regenzeit ist diese Umgebung problematisch: Der in der Trockenzeit fast ausgetrocknete Fluss wird bei starkem Regen oder während Taifunen zur Gefahr. Überschwemmungen schränken die Mobilität ein, verunmöglichen es, einer Arbeit nachzugehen und bedrohen Eigentum und Leben der Bewohner*innen Hollywoods. Die Siedlung gilt als Unruheherd, wird als überfüllt, chaotisch und laut wahrgenommen. [4] Selbst die lokale Bevölkerung machte sich jeweils Sorgen, wenn sie in Hollywood ihrer Forschung nachging, berichtet Dürr.

Zum Masterplan der Stadtverwaltung gehörte deshalb die Umsiedlung Hollywoods nach Shelterville, eine neu aufgebaute Siedlung ca. 15 Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt. Einerseits sollte damit für die Ärmsten der Stadt eine günstige Wohnmöglichkeit geschaffen werden, die vor Überschwemmungen sicher ist. Andererseits sollte damit der Eingang zur Stadt «gesäubert» werden, um das Flussufer für touristische Zwecke zu erschliessen. [4]

Ein Grossteil der Bewohner*innen kehrte Hollywood den Rücken, um in Shelterville zu tiefen Preisen ein Grundstück mit Wohneinheit zu erwerben und vor Überschwemmungen sicher zu sein. Nur wenige blieben zurück. Dafür nannten sie verschiedene Gründe: Shelterville sei nicht sicher vor Überschwemmungen, zu weit entfernt vom Stadtzentrum und biete zu wenig Platz für ihre Schreinerwerkstätten. Nach der Umsiedlung sei der einstige Krisenherd zu einem ruhigen, sicheren und friedlichen Ort geworden, während Shelterville bereits so überfüllt und laut sei wie früher Hollywood. In der Tat wurden Teile Sheltervilles nur ein Jahr nach der Umsiedlung während eines Taifuns überschwemmt. [4]

Essensverkäufer*innen und die Töpferei

Nicht nur Veränderungen ausserhalb der Stadt, sondern auch Anpassungen im Stadtzentrum beeinflussen die ärmeren Bevölkerungsschichten. Während dem Tourismus-Boom im Rahmen der Verleihung des «New7Wonders City»-Titels wurden zum Beispiel die Zeiten, in denen mobile Essensverkäufer*innen ihre Snacks im Stadtzentrum verkaufen durften, stark eingeschränkt. Die Verkäufer*innen, die meist aus Hollywood oder Shelterville stammen, mussten ihre Verkäufe einstellen oder das Risiko einer Bestrafung in Kauf nehmen. Erst Ende 2015 wurden die mobilen Imbissstände im Stadtzentrum wieder erlaubt – unter strikten Einschränkungen. Verkäufer*innen brauchen neu eine kostspielige Bewilligung und dürfen nur an einem bestimmten Ort während drei Stunden ihre Waren anbieten. [4]

Eine andere Gruppe, die um ihre Arbeit fürchtet, sind die Töpfer*innen. Die Steinbrüche, die den Ton für die traditionellen Töpfereien Vigans liefern, liegen auf Privatgrund. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und den Tourismuszahlen der Stadt stiegen auch die Grundstückpreise der Steinbruchgebiete. Nicht selten werden diese Steinbrüche deshalb zu Wohngrundstücken umgenutzt. Den Töpfer*innen geht deshalb bald das Material für ihre Arbeit aus. [4]

Fazit

Forschung, wie sie die Ethnologin Sara Dürr in ihrem Vortrag im Rahmen der Sommerakademie vorgestellt hat, ist essenziell, wenn es darum geht, globale Konzepte wie das Welterbe differenziert zu betrachten. So viel Positives die Fokussierung des Welterbes für Vigan gebracht haben mag − auch die Schattenseiten des Konzepts Welterbe müssen aufgedeckt und öffentlich diskutiert werden. Denn es gibt Menschen, für die sich die Dinge durch vermeintlichen Fortschritt eher zum Schlechteren entwickeln. «Bereits weniger privilegierte Bevölkerungsgruppen erfahren durch die Fokussierung des Welterbes mehr Ausschluss», resümiert Dürr. Nur wenn alle sozioökonomischen Gruppen Beachtung erhalten, werden nationale und internationale politische Debatten möglich, um «das Welterbe und soziale Gerechtigkeit in Einklang zu bringen [5]».

Referenzen

[1]

UNESCO (2021): World Heritage (Online verfügbar: http://whc.unesco.org/en/about/)

[2]

UNESCO World Heritage Centre (2021): World Heritage List (Online verfügbar: http://whc.unesco.org/en/list/)

[3]

UNESCO World Heritage Centre (2021): Historic City of Vigan (Online verfügbar: https://whc.unesco.org/en/list/502)

[4]

Sara Dürr, Malot Ingel, Bettina Beer (2018): Vigan: World Heritage as a 'tool for development'? In: Peter Billie Larsen (Ed.): World Heritage and Human Rights: Lessons from the Asia-Pacific and global arena, p. 153-172.

[5]

Peter Billie Larsen (2018): World Heritage and Human Rights: Lessons from the Asia-Pacific and global arena. London: Routledge.

[0]

Vortrag «Weltkulturerbe und lokale Lebensweisen am Beispiel von Hollywood» von Sara Dürr im Rahmen der Sommerakademie «Sklaven, Gold & Starbucks - Lokale Lebensweisen und globale Verflechtungen» der Schweizerischen Studienstiftung am 30.08.2020.

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Sklaven, Gold & Starbucks: Lokale Lebensweisen und globale Verflechtungen» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von Reatch. Den Orginialbeitrag gibt es hier zu lesen.

Autor*innen

Olivia Meier

Autor*in

Leiterin Blog

Olivia Meier studierte Germanistik sowie TAV - Theorie, Analyse, Vermittlung im Master an der Universität Zürich und arbeitete als wissenschaftliche Assistentin am Departement für Angewandte Linguistik der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Inzwischen ist sie im Kommunikationsbereich tätig. Sie ist erweitertes Vorstandsmitglied von Reatch und betreut den Reatch-Blog.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.