Matterhorn pixabay

Netzwerk-Event Energie – Den Abstieg planen

„Unser Umgang mit Energie gleicht einer Besteigung des Matterhorns, bei dem wir vergessen haben, den Abstieg zu planen.“ Mit dieser Aussage und einer Grafik mit dem steigenden Energieverbrauch weltweit pro Kopf und Jahr zeigte Roland Stulz gleich zu Beginn seines Vortrags am Netzwerk-Event Energie auf, wohin die Richtung beim Energieverbrauch in Zukunft zeigen muss – nach unten. Zumindest, wenn wir kommenden Generationen lebenswerte Bedingungen hinterlassen möchten.

Am Anlass in der Universität Zürich lauschten etwa vierzig interessierte Personen seinen und Martina Blums Vorträgen zum Thema 2000-Watt-Gesellschaft. Roland Stulz ist Mitbegründer der Idee 2000-Watt-Gesellschaft, die an der ETH Zürich entstanden ist. Martina Blum ist Fachexpertin Energie der Stadt Zürich. Jene Metropole, die 2008 in einer Volksabstimmung beschlossen hat, zu einer 2000-Watt-Gesellschaft zu werden.

Findige Lesende werden bemerken, dass Watt eine Leistungseinheit ist und nicht als Bezeichnung für Energie verwendet werden sollte. So steht die Idee 2000-Watt-Gesellschaft dafür, dass auf Stufe Primärenergie – das ist die Energie, die im Energieträger, etwa Erdöl, steckt, bevor dieser irgendwie aufbereitet wird – für jede Person durchschnittlich jede Sekunde 2000 Joule zur Verfügung stehen. Das ergäbe für ein Jahr 17'520 kWh. 2000-Watt-Gesellschaft steht aber auch für eine Verschiebung von fossilen hin zu erneuerbaren Energieträgern, für eine Absenkung der Treibhausgasemissionen auf eine Tonne CO2-Äquivalente pro Kopf und Jahr und das alles ohne Einschränkung der Lebensqualität.

Roland Stulz führte aus, dass der momentane Verbrauch extrem ungleich verteilt ist. Er liegt pro Kopf bei weniger als 1'000 Watt in manchen Entwicklungsländern bis hin zu etwa 12'000 Watt in den USA. Die Schweiz liegt mit etwa 5'500 Watt dazwischen. Das führt einerseits zu sozialen Spannungen, andererseits ist der Gesamtverbrauch zu hoch, sodass künftige Generationen zu wenig Ressourcen haben werden. Roland Stulz zeigte auf, dass der technische Fortschritt inzwischen längst so weit ist, dass der Energieverbrauch stark gesenkt werden könnte. Allerdings sei mehr als die technischen Möglichkeiten nötig, um eine Verbrauchsreduktion zu erreichen. Einerseits müssten Lebensstile mit tiefem Energieverbrauch hip werden, damit viele Leute sie übernehmen – wie etwa in der Siedlung Kalkbreite im Kreis 4 in Zürich. Andererseits brauche es drastische Änderungen entweder in Form von Regeln oder Ereignissen, damit sich das Verhalten der Leute zu ändern beginne. Neue Richtlinien im Baubereich haben etwa den Energieverbrauch pro Quadratmeter bei Neubauten bereits um den Faktor acht sinken lassen. Roland Stulz ist sich sicher, dass der Wandel zu schaffen sei und bemerkte, dass die nächste Generation bereits viel informierter und sensitiver sei, wenn es um Energieverbrauch gehe, als seine eigene. Nebst seinem optimistischen hat er auch seinen kritischen Geist bewahrt. So merkte er etwa zum technologischen Fortschritt an, dass Professoren und Professorinnen sehr viel häufiger in einem Flugzeug anzutreffen seien, um an Konferenzen zu fliegen, als in ihren Büros um den gesellschaftlichen Wandel zu ermöglichen.

Martina Blum ging in ihrem Vortrag auf die konkrete Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft in der Stadt Zürich ein. In einem Masterplan Energie definiert die Stadt jedes Jahr in den fünf Bereichen Siedlungen, Energieversorgung, Gebäude, Mobilität und Konsum, wie sie den Energieverbrauch effizienter gestalten will. So bietet etwa das ewz seit 2015 nur noch Elektrizität aus erneuerbaren Quellen an. Solche Planung findet aber nicht im luftleeren Raum statt. Zürich ist eine lebendige Stadt, bei der sich unabhängige Rahmenbedingungen vorfinden oder ändern, die einen Einfluss auf den Energieverbrauch haben – ein komplexes Zusammenspiel. Vier dieser Rahmenbedingungen zählte Martina Blum auf: Die Energieunternehmen gehören der Stadt, was Veränderung im angebotenen Strommix natürlich vereinfacht. Das Verkehrsaufkommen in Zürich wächst stetig, was auch den Energieverbrauch in die Höhe treibt, wenn nicht darauf geachtet wird, dass ein Umstieg auf den ÖV oder das Velo erfolgt. Der durchschnittlich beanspruchte Wohnraum sinkt hingegen und liegt bei etwas mehr als 40 Quadratmeter pro Kopf, entsprechend sinkt auch der Energieverbrauch fürs Heizen pro Kopf. Die hohen Mietzinsen kommen somit der Umwelt zu Gute. Die Anzahl Personen in der Stadt nimmt jedoch zu, der Konsum – und damit auch der Energieverbrauch – steigen. Bereits zeigen sich jedoch erste Resultate nach der Abstimmung vor acht Jahren: Der Elektrizitätsverbrauch hat um 5% pro Einwohner abgenommen, und anstatt 5'000 Watt werden heute noch 4'200 Watt pro Person verbraucht.

In einem anschliessenden Workshop konnten die Zuhörenden zu den Themen Digitalisierung, Mobilität, Bau, Individuum und Wirtschaft ihre eigenen Ideen für eine Zukunft mit tieferem Energieverbrauch einbringen. Die entwickelten Ideen reichten von technischen Lösungen, wie vernetzte Haushalte, um Strom möglichst effizient einzusetzen, über sanften Druck, wie Warnlampen, die zu blinken beginnen sobald der Energieverbrauch eine gewisse Grenze überschreitet und positiven Anreizsystemen, zum Beispiel dass man kleinen Wohnraum möglichst „fashionable“ verkaufen sollte bis hin zur Forderung nach mehr Gesetzen.

Links:

http://www.2000watt.ch/

https://www.stadt-zuerich.ch/portal/de/index/portraet_der_stadt_zuerich/filmportraits_stadt_zuerich/energie.html

Sie interessieren sich für eine Teinahme an einem unserer nächsten Netzwerk-Events? Dann melden Sie sich bei Projektleiterin Bettina Meyer (bettina.meyer@reatch.ch).

Autor*innen

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Kommunikation

Anina Steinlin hat ihren Master am Institut für Theoretische Physik an der Universität Bern abgeschlossen und einen CAS in Wissenschaftskommunikation erlangt. Sie war an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt als Mitarbeiterin des Direktoriums tätig, als IT-Projektleiterin in der Privatwirtschaft und arbeitet als freie Journalistin.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.

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