Balance

«False Balance» in den Medien: Was wissenschaftlich stimmt, ist keine Frage der Mehrheitsmeinung

Geht es um Corona, Klimawandel oder andere wissenschaftliche Themen, beklagen Forschung und Medien vermehrt eine «falsche Ausgewogenheit» (engl. False Balance) in der Berichterstattung. Doch im Einzelfall ist es oft schwierig zu beurteilen, ob die Berichterstattung «richtig ausgewogen» oder «falsch ausgewogen» ist.

Der folgende Artikel ist am 28.07.2021 in der Medienwoche erschienen.

Jedes Ding hat mindestens zwei Seiten – das ist im Journalismus ein Grundprinzip. Gerade bei politischen Themen dürfen gute Journalist*innen nicht bloss eine einzige Seite zu Wort kommen lassen, wenn sie ausgewogen berichten wollen. Im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Themen kommt dieses Prinzip aber immer wieder unter Beschuss. Kritiker werfen Medienschaffenden dann gerne eine «falsche» Ausgewogenheit vor. Eine solche «False Balance» liegt dann vor, wenn in der Berichterstattung eine etablierte Konsensposition innerhalb eines Forschungsgebiets gleichberechtigt neben abweichende, oft spekulative oder überholte Einschätzungen desselben Sachverhalts gestellt wird und damit der Eindruck entsteht, beide Positionen wären wissenschaftlich gleich gut abgestützt.

Ein Paradebeispiel dafür ist die mediale Debatte über den Klimwandel, bei der bisweilen immer noch der Zusammenhang zwischen CO2-Ausstoss und Klimaerwärmung angezweifelt wird, obwohl dazu ein etablierter wissenschaftlicher Konsens besteht. Aber auch in Bezug auf die Corona-Berichterstattung wurde die falsche Ausgewogenheit der Medien kritisiert. Jüngst tat dies der deutsche Virologe Christian Drosten im Online-Magazin «Republik» [1]. Drosten bemängelte, dass die Medienberichterstattung zu Corona die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse in den Wissenschaften schlecht abbilden würde: «Hier ist eine Mehrheitsmeinung, die wird von hundert Wissenschaftlern vertreten. Aber dann gibt es da noch diese zwei Wissenschaftler, die eine gegenteilige These vertreten. In der medialen Präsentation aber stellt man dann einen von diesen hundert gegen einen von diesen zweien. Und dann sieht das so aus, als wäre das 50:50, ein Meinungskonflikt.» Für Drosten liegt darin auch der Grund für die Orientierungslosigkeit der Politik während der zweiten Corona-Welle im letzten Herbst: Weil die Medien ganz unterschiedliche Meinungen zu epidemiologischen Fragen präsentierten, ohne diese angemessen zu gewichten und einzuordnen, hätten Politiker bloss halbherzige Lösungen ergriffen.

So fragte Martin Oswald von CH Media auf Twitter [2], wie Medien dem Effekt des False Balancing begegnen sollen. Die Frage unterlegte er mit einer Grafik, die visuell abbildete, was Drosten beschrieben hatte: Eine überwiegende Mehrheit der Forschenden vertritt bei einer bestimmten Frage einen wissenschaftlichen Konsens, was aber medial – eben aufgrund der falschen Ausgewogenheit – nicht durchdringt, weil dort Konsensposition und abweichende Einschätzung gleichwertig nebeneinandergestellt werden. Wissenschaftsjournalist Beat Glogger schlug auf «Higgs» in die gleiche Kerbe [3]: «Egal, wer recht hat, es steht eine Aussage gegen die andere. Eins zu eins. Dabei ist es ein Querschläger gegen Hunderte oder Tausende von Forschenden. Das ist False Balance oder falsche Ausgewogenheit.»

Dieses Bild von falscher Ausgewogenheit ist beliebt, aber problematisch, weil es methodische und argumentative Kriterien zum Feststellen eines wissenschaftlichen Konsenses vernachlässigt und sich stattdessen auf ein Mehrheitargument stützt: Wissenschaftlicher Konsens sei das, was die überwiegende Mehrheit von Forschenden für richtig hält.

In der Politik spielt es eine untergeordnete Rolle, mit welchen Gründen ein demokratischer Entscheid zustande kommt, damit er Gültigkeit hat. Menschen können eine politische Entscheidung aus ganz gegensätzlichen Gründen gutheissen, ohne damit die Gültigkeit des Entscheids zu schmälern. Man denke an sogenannte unheilige Allianzen zwischen rechten und linken Parteien.

In der Wissenschaft sind die Anforderungen ungleich höher: Für einen Konsens ist entscheidend, dass er sich auf belegbare empirische Aussagen und überzeugende theoretische Argumente stützen kann. Dazu müssen verschiedene Forschende hinsichtlich einer bestimmten Frage mit gegenseitig erkennbaren und nachvollziehbaren theoretischen Annahmen und Forschungsmethoden zum gleichen Ergebnis kommen. Aus diesem Grund ist es vernünftig, wissenschaftlichen Konsenspositionen in politischen Debatten höheres Vertrauen entgegenzubringen als spekulativen Einzelmeinungen. Aus dem gleichen Grund – eben weil die Anforderungen daran so hoch sind – ist wissenschaftlicher Konsens aber seltener als viele meinen.

Zudem gehört Dissens zum wissenschaftlichen Kerngeschäft. Das kritische und gut begründete Hinterfragen, Überprüfen und Verwerfen des gegenwärtigen Kenntnisstands – auch eines allfälligen Konsenses – ist eine notwendige Voraussetzung für weiteren Erkenntnisgewinn. Jede Konsensposition war in den Wissenschaften irgendwann einmal in der Minderheit und nicht jede Meinung, welche die Forschenden einer Disziplin mehrheitlich teilen, ist eine Konsensposition.

Doch das ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man Ausgewogenheit auf rein quantitative Kriterien beschränkt: Es wird immer eine Position geben, die zwar wissenschaftlich einwandfrei ist, die aber in einer Diskussionsrunde von vier, sechs oder acht Personen keinen Platz findet.

Wer falsche Ausgewogenheit allein zu einer Frage von Mehrheiten und Minderheiten macht, zäumt das Pferd von hinten auf: Eine wissenschaftliche Position ist nicht deshalb überzeugend, weil sie von einer Mehrheit von Wissenschaftler*innen vertreten wird. Es ist gerade umgekehrt: Eine Mehrheit von Wissenschaftler*innen vertritt eine bestimmte Position, weil sie wissenschaftlich überzeugend ist. Das ist ein entscheidender Unterschied, wenn es darum geht, den wissenschaftlichen Kenntnisstand medial ausgewogen abzubilden.

Der «Medientalk» von Radio SRF ging kürzlich einen Schritt in diese Richtung [4]. Die Historikerin Ariane Tanner beschrieb falsche Ausgewogenheit als das Phänomen, bei dem «zwei gegensätzliche Ansichten in einem Medium genau gleich viel Platz bekommen, obschon die zwei Positionen ganz unterschiedliche Hintergründe haben». Als Beispiel nannte sie eine wissenschaftliche Konsensposition, die auf jahrzehntelanger Forschung beruht und die in der medialen Debatte gleichberechtigt einer wissenschaftlichen Einzelmeinung gegenübergestellt wird.

Im Gegensatz zu den oben beschriebenen Beispielen stützt sich Tanner damit nicht auf ein Mehrheitsargument ab, sondern bringt qualitative Kriterien ins Spiel: Eine Meinung sei es dann wert, medial gehört zu werden, wenn sie wissenschaftlich gut abgestützt ist, wobei die Dauer der Forschung zum Thema als erster Anhaltspunkt dienen kann. Tanner nennt als fiktives Beispiel eine Diskussionssendung, bei der sich ein Virologe und eine prominente Person ohne wissenschaftlichen Hintergrund gegenüberstehen. Weil letztere fachlich nichts zur Sache beizutragen habe, handle es sich um False Balance, so Tanner.

Doch nicht jede Diskussion, in der eine etablierte wissenschaftliche Position gleichberechtigt auf eine nicht-wissenschaftliche Perspektive trifft, ist falsch ausgewogen – es kommt auf den Gegenstand der Diskussion an. Wenn Corona nur hinsichtlich biologischer oder epidemiologischer Fragen diskutiert werden soll, dann läge bei Tanners Beispiel wohl eine falsche Ausgewogenheit vor. Wenn der Rahmen der Diskussion aber breiter ist, dann ist die Sache weniger eindeutig. Denn die Corona-Pandemie ist nicht ausschliesslich ein naturwissenschaftlich-medizinisches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Phänomen. Es gibt also gute Gründe, nicht nur Wissenschaftler*innen darüber sprechen zu lassen.

Andere Kriterien, die Tanner ins Feld führt, stützen sich auf die Aufrichtigkeit und die Absichten der Gesprächsteilnehmer*innen ab: Werden wissenschaftliche oder wissenschaftlich wirkende Informationen bloss vorgeschoben, um eine verdeckte politische Agenda zu verfolgen, oder handelt es sich um eine unvoreingenommene Einschätzung des gegenwärtigen Stands der Forschung ohne politische Hintergedanken? Tanners Hinweis ist deshalb relevant, weil falsche Ausgewogenheit vor allem bei politisch umstrittenen Themen problematisiert wird. So versuchen etwa Interessengruppen immer wieder gezielt Zweifel zu schüren am menschengemachten Klimawandel. Vor zwei Jahren schrieb deshalb «Republik»-Redaktor Elia Blülle [5], dass er Leugnern des menschengemachten Klimawandels kein Bühne mehr bieten würde – und rief seine Berufskolleg*innen auf, es ihm gleich zu tun: «Falsche Ausgewogenheit können letztlich nur die Journalistinnen selber beheben – und zwar, indem sie klimaskeptische Pamphlete aus ihren Publikationen, Fernsehsendungen und Gesprächsrunden verbannen.»

Ob der Klimawandel menschengemacht ist, muss medial nun wirklich nicht mehr diskutiert werden – da hat sich ein wissenschaftlicher Konsens etabliert, der auch wissenschaftlichen Laien bekannt sein dürfte. Aber sobald es um Detailfragen geht, wird es für Nicht-Klimawissenschaftler*innen schnell schwierig, verlässliche von irreführenden Einschätzungen zu unterscheiden. Die Absichten von Gesprächsteilnehmer:innen zum Kriterium zu machen, ob eine Position legitim ist oder nicht, wird Medienschaffenden kaum weiterhelfen, falsche Ausgewogenheit zu vermeiden – schliesslich können sie nicht in die Köpfe der Menschen blicken.

Das Fehlen von allgemein anerkannten und konsistenten Kriterien für falsche Ausgewogenheit macht es also schwierig, diese zu verhindern. Ebenso schwierig ist es, sich ohne solche Kriterien gegen den Vorwurf zu Wehr zu setzen, falsch ausgewogen zu berichten. Anstatt falsche Ausgewogenheit bloss an den immer gleichen Beispielen wie dem Klimwandel aufzuhängen, sollten Medienschaffende und Wissenschaftler*innen stringente Kriterien dafür entwickeln, wie sich im Einzelfall beurteilen lässt, ob eine falsche oder eine richtige Ausgewogenheit vorliegt. Ansonsten bleiben die Beschreibungen von falscher Ausgewogenheit entweder nutzlos, weil man sie bloss auf einigermassen offensichtliche Fälle anwenden kann, oder beliebig, weil alle bloss das als falsche Ausgewogenheit betrachten, was sie selbst als solche erkennen können oder wollen.

Vielleicht liegt das Problem letztlich gar nicht in einer falschen Ausgewogenheit, sondern in einer falscher Kontroverse, wie das Pascal Sigg im «Infosperber» vermutet [6]. Anstatt zur Meinungsbildung beizutragen, würde das Schüren künstlicher Kontroversen vorgefasste Meinungen bloss bestätigen, so seine These. In der Tat ist es Alltag in der medialen Berichterstattung, dass sehr spezifische innerwissenschaftliche Diskussionen zu Grundsatzdebatten aufgebauscht werden [7]. Forschende, die der Komplexität einer wissenschaftlichen Frage auch in ihren medialen Aussagen Rechnung tragen, erhalten so tendenziell weniger oft eine Plattform als die Lauten und Polemischen, die mit ihren provokativen Voten für knackige Schlagzeilen sorgen [8].

In dieser Feststellung könnte auch ein Ausweg aus der gegenwärtigen medialen Verunsicherung über falsche oder richtige Ausgewogenheit liegen. Diskussionssendungen, in denen bloss unbegründete Behauptungen aneinandergereiht werden, tragen nämlich genauso wenig zur Meinungsbildung bei wie Zeitungsartikel, in denen aus dem Zusammenhang gerissene Zitatfetzen von Expert*innen bloss zum Bestätigen der vorgefassten Meinung oder zum Schüren von Debatten dienen. Das ist kein Journalismus, sondern journalistische Berufsverweigerung.

Deshalb möchte ich die folgenden Verbesserungsvorschläge in den Raum stellen:

1. Irreführende Vorstellungen über Wissenschaft über Bord werfen: Expert*innen sollten nicht zu Hüter*innen der Wahrheit überhöht werden – Wissenschaft ist keine Prophetie [9] und Konsens ist seltener als viele meinen. Wissenschaftler*innen sind aber auch nicht gleichzusetzen mit politischen Interessenvertreter*innen. Eine Berichterstattung über wissenschaftliche Fragen, bei denen tatsächlich ein Konsens etabliert ist, benötigt keine konträre Meinung, damit sie ausgewogen ist. Entscheidend ist zu erkennen, in welcher Hinsicht es diesen Konsens gibt und in welcher Hinsicht nicht.

2. Recherche, Recherche, Recherche: Um aufrichtigen wissenschaftlichen Dissens von Scheindebatten zu unterscheiden und wissenschaftliche Erkenntnisse korrekt einordnen zu können, braucht es ein gewisses Mass an Fachkompetenz – das gilt für geistes- und sozialwissenschaftliche Kontroversen im Übrigen genauso wie für naturwissenschaftliche Auseinandersetzungen. Fachfremde Journalist*innen sollten deshalb im engen Austausch stehen mit ihren Kolleg*innen aus der Wissenschaftsredaktion – sofern es eine solche noch gibt.

3. Diskussionsebenen unterscheiden und auseinanderhalten: Geht es um wissenschaftliche Fragen, gelten andere Anforderungen an die Diskussion als bei politischen Fragen: Nicht jedes wissenschaftliche Detail ist relevant für politische Massnahmen [10] und wissenschaftlicher Konsens führt nicht zwingend zu politischem Konsens. Wie sehr eine Corona-Impfung vor einem schweren Verlauf von Covid-19 schützt, ist eine wissenschaftlich-medizinische Frage. Ob eine Impfflicht eingeführt werden soll, geht über biomedizinische Erwägungen hinaus und muss politisch, ethisch und juristisch diskutiert werden.

4. Argumente und Belege ins Zentrum stellen: Die Auswahl und Beurteilung von Expert*innen sollte nicht von deren Haltung zu einer bestimmten Frage, sondern von der Stringenz ihrer Argumentation abhängig sein. Dabei gilt: Tatsächliche und vermeintliche Widersprüche in den Aussagen ansprechen. Zudem keine blossen Behauptungen akzeptieren, sondern Begründungen und Belege einfordern [11] und diesen auch den entsprechenden Raum geben. Für einen wissenschaftlichen Konsens reicht es nicht, dass die Forschenden einer Disziplin mehrheitlich eine bestimmte Position einnehmen – sie müssen diese Position auch nachvollziehbar begründen und belegen können.

Box I: Wissenschaft und Politik

Der wissenschaftliche Konsens hat keine direkte normative Funktion. Er gibt lediglich an, was in einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin der gegenwärtig anerkannte Kenntnisstand hinsichtlich einer Sachlage ist. Dagegen muss man sich behaupten, wenn man widersprechen möchte. Und dieser Widerspruch muss auf wissenschaftliche Art und Weise geschehen. Will heissen: Man muss seine eigenen Annahmen und die Gründe für den Widerspruch möglichst explizit und transparent machen, damit andere Forschende diese kritisch prüfen können. Was wissenschaftlich stimmt, ist keine Frage der Politik (0) und wer den wissenschaftlichen Konsens anzweifelt, muss das deshalb mit wissenschaftlichen und nicht mit politischen Argumenten tun.

Doch gerade weil der wissenschaftliche Konsens keine normative Funktion hat, ist er erst der Anfang, nicht das Ende der politischen Debatte. Politische Massnahmen können mit Verweis auf Faktenbehauptungen begründet sein, die im Widerspruch oder im Einklang mit dem wissenschaftlichen Stand der Erkenntnis sind. Aus Wissenschaft allein lässt sich jedoch keine politische Forderung ableiten – zumindest dann nicht, wenn man das Ideal der Werturteilsfreiheit für die Wissenschaft beansprucht und daraus eine höhere Verlässlichkeit in Faktenfragen ableitet. Das tut man spätestens dann, wenn man der Wissenschaft im politischen Diskurs die Rolle als Lieferantin jener Fakten zuweist, die als Grundlage für die gemeinsame Diskussion dienen sollen.

Dennoch kritisierte der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi kürzlich (1), dass der Klimawissenschaftler Reto Knutti im «Club» von SRF zum CO2-Gesetz als Vertreter des befürwortenden Lagers vorgestellt wurde: Manche politische Fragen seien aus wissenschaftlicher Sicht unstrittig, sodass man wissenschaftliche Evidenz zu einer Meinung herunterstufe, wenn man sie einem bestimmten politischen Lager zuordne, kritisierte Hänggi. Doch diese Argumentation geht nicht auf: Entweder sind gewisse politische Fragen aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich unstrittig – dann sollte es auch kein Problem sein, diese wissenschaftliche Sicht einem Lager zuzuschlagen. Oder man beansprucht, dass wissenschaftliche Informationen in politischen Diskussionen nicht hinterfragt werden sollen, weil sie eine notwendige Grundlage für die Diskussion bilden. Dann muss man aber auch damit leben, dass «die» Wissenschaft keine normative Position einnehmen kann in Bezug auf politische Fragen, weil es in politischen Diskussionen ja gerade darum geht, solche Fragen zu diskutieren.

(0) Servan Grüninger (2019.02.19). Was wissenschaftlich stimmt, ist keine Frage der Politik. NZZ (https://www.nzz.ch/meinung/was-wissenschaftlich-stimmt-ist-keine-frage-der-politik-ld.1455964, abgerufen am 20. Juli 2021).

(1) Marcel Hänggi (2021.05.27). Twitter-Post (https://twitter.com/mahaenggi/status/1397804103103913987, abgerufen am 03. Juli 2021).

Box II: Tierversuche als Beispiel

Sind Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragbar? Gewisse Tierversuchsgegner behaupten, dass Tierversuche nutzlos seien, um menschliche Krankheiten zu erforschen. Mensch und Tier würden sich viel zu stark voneinander unterscheiden. Wo kein medizinischer Nutzen, da kein ethisches Dilemma (0), so die Überlegung. Doch wer so etwas behauptet, leugnet die wissenschaftlich unbestrittene evolutionäre Verwandtschaft von Mensch und Tier, auf die sich Forschende stützen, wenn sie gewisse Ergebnisse vom Tier auf den Menschen übertragen.

Dennoch ist es möglich, die Übertragbarkeit von Tierversuchen medial kontrovers zu diskutieren, ohne falsche Ausgewogenheit zu schaffen und damit den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu verzerren. Denn erstens sind sich Wissenschaftler*innen – mit Verweis auf die evolutionäre Verwandtschaft von Mensch und Tier – zwar einig darin, dass Tierversuche Ergebnisse liefern können, die auf den Menschen übertragbar sind. Es besteht jedoch Uneinigkeit darüber, was die genauen Voraussetzungen dafür sind. Um falsche von richtiger Ausgewogenheit zu unterscheiden, müssen Medienschaffende beurteilen können, in welcher Hinsicht überhaupt ein wissenschaftlicher Konsens besteht. Das bedingt ein Mindestmass an Fachkompetenz oder zumindest die Bereitschaft, sich in ein Thema soweit einzuarbeiten, dass die relevanten wissenschaftlichen Argumente nachvollziehbar sind.

Zweitens geht es bei der Diskussion um Tierversuche nicht nur um wissenschaftliche Fragen (1). Dass gewisse Ergebnisse aus Tierversuchen aufgrund der gemeinsamen evolutionären Geschichte auf den Menschen übertragen werden können, sagt allein noch nichts darüber aus, ob es ethisch gerechtfertigt ist, Tiere in wissenschaftlichen Versuchen einzusetzen. Genau sowenig bedeutet aber die Fähigkeit von Tieren, Schmerzen zu empfinden – auch das ist wissenschaftlicher Konsens –, dass Tierversuche abzulehnen sind.

Somit ist es auch keine falsche Ausgeglichenheit, einer Forscherin, die Tierversuche befürwortet, in einer medialen Debatte gegen einen Gegner von Tierversuchen antreten zu lassen, der sich mit ethischen oder anderen nicht-wissenschaftlichen Argumenten gegen den Einsatz von Tieren positioniert. Schliesslich ist Wissenschaft nicht bei jeder Frage das Mass aller Dinge (2).

Aus diesem Grund präsentieren Medien vielfältige und damit eben auch nicht-wissenschaftliche Realitäten. «Konstruktivismus ernst nehmen. Medien repräsentieren multiple Realitäten. Nicht mehr, nicht weniger», schrieb der deutsche Soziologe Marcel Schütz auf Twitter (3), als sich ein Journalist und eine Journalistin auf Twitter unter dem Hashtag #falsebalance darüber ereiferten, dass in einem Interview der «Zeit» (4) eine Homöopathin gleichberechtigt mit einem Mediziner zu Wort gekommen ist.

Die Diskussion über falsche Ausgewogenheit sollte nicht dazu führen, dass komplexe gesellschaftspolitische Fragen auf eine rein wissenschaftliche Betrachtung reduziert werden. Auch ich selber bin schon in diese Falle getappt und habe mich öffentlich darüber aufgeregt (5), dass in einer Sendung eine naturwissenschaftliche Perspektive gleichberechtigt mit einer nicht-wissenschaftliche Perspektive zu Wort gekommen ist. Das ist die Kehrseite der Diskussion über falsche Ausgewogenheit: Wissenschaftlicher Konsens wird auch bei politischen oder anderen nicht-wissenschaftlichen Fragen schnell und unbegründeterweise zum Mass aller Dinge erhoben.

(0) Servan Grüninger (2016.05.02). Tierversuche: Ein Dilemma das bleibt. NZZ (https://www.nzz.ch/karriere/studentenleben/der-mensch-geht-vor-tierversuche-ein-dilemma-das-bleibt-ld.135638, abgerufen am 04. Juli 2021).

(1) Servan Grüninger (2019.04.09). Tierversuche sollen nutzen – aber wie? Tierversuche verstehen (https://www.tierversuche-verstehen.de/tierversuche-sollen-nutzen-aber-wie/, abgerufen am 03. Juli 2021).

(2) Michaela Egli (2014.12.11). Ist Wissenschaft das Mass aller Masse? Reatch (https://reatch.ch/publikationen/ist-wissenschaft-das-mass-aller-masse, abgerufen am 03. Juli 2021).

(3) Marcel Schütz (2020.09.10). Twitter-Post (https://twitter.com/schuetz_marcel/status/1304022642194866177, abgerufen am 03. Juli 2021).

(4) Charlotte Parnack und Jan Schweitzer (2020.09.09). Heilung oder Hokuspokus. DIE ZEIT https://www.zeit.de/2020/38/homoeopathie-wirksamkeit-dzvhae-kbv-andreas-gassen-aerztin-michaela-geiger, abgerufen am 04. Juli 2021).

(5) Servan Grüninger (2019.03.05). Twitter-Post (https://twitter.com/Sgruninger/status/1102890033445588993, abgerufen am 03. Juli 2021).

Referenzen Haupttext

[1]

Marie-José Kolly, Angela Richter und Daniel Ryser (2021.06.05). Herr Drosten, woher kam dieses Virus? Republik (https://www.republik.ch/2021/06/05/herr-drosten-woher-kam-dieses-virus, abgerufen am 03. Juli 2021).

[2]

Martin Oswald (2021.06.07). Twitter-Post (https://twitter.com/oswaldmartin/status/1401987551829889028, abgerufen am 03. Juli 2021).

[3]

Beat Glogger (2021.06.08). Falsche Ausgewogenheit in den Medien. Higgs (https://www.higgs.ch/die-falsche-ausgewogenheit-der-medien/42889/, abgerufen am 03. Juli 2021).

[4]

Salvador Atasoy (2021.06.26). Medientalk: Das Problem mit der False Balance. SRF 1 (https://www.srf.ch/play/radio/medientalk/audio/medientalk-das-problem-mit-der-false-balance?id=91d01339-d12e-4c0c-b7c8-78501b38f2ee, abgerufen am 03. Juli 2021).

[5]

Elia Blülle (2019.04.25). Keine Bühne mehr für Klimaleugner. Republik (https://www.republik.ch/2019/04/25/keine-buehne-mehr-fuer-klimaleugner, abgerufen am 03. Juli 2021).

[6]

Servan Grüninger (2018.11.08). Wissenschaft in den Medien: Immer die gleichen Gesichter, immer die gleichen Geschichten. NZZ (https://reatch.ch/publikationen/wissenschaft-in-den-medien-immer-die-gleichen-gesichter-immer-die-gleichen-geschichten, abgerufen am 20. Juli 2021).

[7]

Pascal Sigg (2021.07.14). Falsche Kritik an falscher Ausgewogenheit. Infosperber (https://www.infosperber.ch/medien/falsche-kritik-an-falscher-ausgewogenheit/, abgerufen am 20. Juli 2021).

[8]

Servan Grüninger (2020.02.27). Wissenschaft in den Medien: zwischen Irrelevanz und Irreführung. Medienwoche (https://medienwoche.ch/2020/02/27/wissenschaft-in-den-medien-zwischen-irrelevanz-und-irrefuehrung/, abgerufen am 03. Juli 2021).

[9]

Servan Grüninger (2021.04.28). Denn sie wissen, was sie tun: warum Forschende aufhören sollten, Politiker zu unterschätzen. NZZ (https://www.nzz.ch/zuerich/meinung/corona-debatte-forscher-sollten-politik-nicht-unterschaetzen-ld.1613550, abgerufen am 04. Juli 2021).

[10]

Servan Grüninger (2020.03.12). Coronavirus in den Medien: Von Experten und «Experten». Medienwoche (https://medienwoche.ch/2020/03/12/coronavirus-in-den-medien-von-experten-und-experten/, abgerufen am 04. Juli 2021).

[11]

Servan Grüninger (2020.10.27). Wissenschaft als Kassandra: «Wir haben es doch vorausgesagt!». Medienwoche (https://medienwoche.ch/2020/10/27/wissenschaft-als-kassandra-wir-haben-es-doch-vorausgesagt/, abgerufen am 04. Juli 2021).

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Präsidium & Fundraising

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von Reatch. Er hat sein Studium mit Politikwissenschaften und Recht begonnen und mit Biostatistik und Computational Science abgeschlossen. Zurzeit doktoriert er am Institut für Mathematik der Universität Zürich in Biostatistik. Weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.