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Entzündungen und psychische Erkrankungen

Die Forschung deutet darauf hin, dass Entzündungsprozesse im Körper Depressionen auslösen. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über diese psychische Erkrankung zeigen, wie facettenreich die Interaktion zwischen Stress, dem Immunsystem und dem Hirn ist, und was passiert, wenn in diesem Zusammenspiel das Gleichgewicht verloren geht.

Wenn Stress chronisch wird

Das Herz pulsiert, die Hände sind feucht - bekannt unter dem Begriff Kampf-oder-Flucht-Reaktion ermöglichen diese körperlichen Vorgänge mentale und physische Höchstleistungen. Um eine gefährlich steile Felswand hinaufzuklettern oder ein entscheidendes Gespräch zu führen, ist die Kampf-oder-Flucht-Antwort daher sehr nützlich. Tritt dieser aktive Zustand jedoch ständig und über längere Zeitspannen auf, so spricht man von chronischem Stress. In einer Zeit, die durch Schnelllebigkeit und Optimierung geprägt ist, äussert sich chronischer Stress heutzutage vor allem auf psychische Art und Weise. Die Wissenschaft weiss schon lange, dass solch hohe mentale Belastungen zur Depression führen kann. Es gibt verschiedene Ansätze, wie es zu diesem Zusammenhang zwischen Stress und psychischer Erkrankung kommt. Eine der Hypothesen dazu bezieht sich auf Immunantworten, die durch Stress ausgelöst werden. Ein raffiniert zusammengesetzter Komplex aus Proteinen - das Inflammasom - spielt in diesem Kontext eine wichtige Rolle.

Von Stress zur Immunantwort

Das Inflammasom stellt eine Brücke zwischen Stress und dem Immunsystem dar: Psychische Belastung kann zur Aktivierung des Inflammasomes führen, welches wiederum Entzündungsprozesse im Körper auslöst [1]. Dies tut der Proteinkomplex, indem er entzündungsfördernde Moleküle in deren aktive Form bringt. Erhöhte Entzündungswerte im Körper sind assoziiert mit der Entwicklung depressiver Symptome. Diese Verknüpfung von Entzündung und Schwermut wird unter anderem damit erklärt, dass ein übermässig aktives Immunsystem das Gleichgewicht von bestimmten Neurotransmittern - chemische Botenstoffe, die im Nervensystem Informationen weiterleiten - stört. Betroffene Neurotransmitter sind beispielsweise Glutamat und verschiedene Monoamine, wie Serotonin und Dopamin. Ein Blick auf die Evolution gibt Hinweise darauf, wie Depressionen überhaupt erst entstanden sind und ermöglicht es, eine Verbindung zwischen Entzündungen und depressiven Symptomen herzustellen.

Ein Blick auf die Evolution

Infektionen gehörten lange zu den Haupttodesursachen der Menschen und prägten somit deren Evolution erheblich. So entwickelten sich spezifische Verhaltensweisen, die sich unter diesen Umständen als vorteilhaft erwiesen haben. Ein Beispiel dafür liefert das in der Wissenschaft bezeichnete “Sickness Behavior”. Dieser Begriff beschreibt das Bedürfnis, sich im Krankheitsfall mit einer heissen Tasse Tee ins Bett zurückzuziehen. Auf diese Weise kann mehr Energie für die Heilung genutzt werden. Gleichzeitig wird durch die Vermeidung von Sozialkontakt die Verbreitung des Krankheitserregers eingedämmt. Interessanterweise überlappen sich die Anzeichen von Sickness Behavior und Depressionen: Sich den Menschen zu entziehen und Niedergeschlagensein können beispielsweise durch Keime verursacht, aber auch Anzeichen von psychischen Leiden sein. Demzufolge wurde eine Theorie aufgestellt, die besagt, dass depressive Gefühle eigentlich eine Art “Sickness Behavior” sind, die durch Entzündungsprozesse im Körper ausgelöst werden [2,3]. In diesem Kontext argumentieren Forschende, dass die “moderne” Lebensweise (im Hinblick auf Ernährung, Hygiene und Stress) zu einem überaktiven Immunsystem und daher zu Depressionen führen könne [4].

Therapie und Prävention

Dass psychische Erkrankungen eng mit Entzündungsprozessen und Immunantworten verbunden sind, bereitet den Weg für völlig neue Zweige von Therapieansätzen. Substanzen, die spezifisch inflammatorische Moleküle anvisieren, stellen Kandidaten für neue Arzneimittel dar. Solche Herangehensweisen eignen sich jedoch nur bei Patientinnen und Patienten, die erhöhte Entzündungswerte aufweisen. Ist dies nicht der Fall, stellt sich eine Behandlung dieserart als nicht wirksam oder sogar nachteilig heraus. Nicht minder wichtig als effektive Therapiemöglichkeiten ist aktive Prävention. Entspannung und Erholung erweisen sich als wirkungsvolle Massnahmen, um der Entstehung von Depressionen entgegenzuwirken. Hat man also Grosses gewagt - den Gipfel erfolgreich bestiegen, die wichtige Diskussion endlich geführt - ist eine darauffolgende Phase der Ruhe essentiell.

Referenzen

[1]

Iwata, Masaaki, Kristie T. Ota, and Ronald S. Duman. "The inflammasome: pathways linking psychological stress, depression, and systemic illnesses." Brain, behavior, and immunity 31 (2013): 105-114.

[2]

Kinney, Dennis K., and Midori Tanaka. "An evolutionary hypothesis of depression and its symptoms, adaptive value, and risk factors." The Journal of nervous and mental disease 197.8 (2009): 561-567.

[3]

Raison, Charles L., and A. H. Miller. "The evolutionary significance of depression in Pathogen Host Defense (PATHOS-D)." Molecular psychiatry 18.1 (2013): 15-37.

[4]

Miller, Andrew H., and Charles L. Raison. "The role of inflammation in depression: from evolutionary imperative to modern treatment target." Nature reviews immunology 16.1 (2016): 22-34.

Autor*innen

Autor*in

Alisha Föry hat Gesundheitswissenschaften und Technologie mit Schwerpunkt Neurowissenschaften an der ETH Zürich studiert.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.

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