Treibhausgase

Über Jogginghose und Treibhausgase

Beschleicht dich ein ungutes Gefühl, wenn du Fast Food bestellst, obwohl du dir doch vorgenommen hast, dich gesünder zu ernähren? Die Psychologie hat dafür einen Namen: kognitive Dissonanz. Wie wir damit umgehen und warum diese Strategien im schlimmsten Fall dem Klima schaden können.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Reatch-Förderprogramms Scimpact.

Es ist jedes Jahr dasselbe: Im Januar verzeichnen Fitnessstudios einen dramatischen Anstieg ihrer Mitgliedschaften. Hunderte Menschen nehmen sich vor, im neuen Jahr endlich sportlicher und gesünder zu leben [1]. Doch schon bevor die ersten Frühlingsblumen blühen, folgt meist die Ernüchterung: Die meisten schaffen es nicht, ihre Vorsätze konsequent umzusetzen. Die Fitness-App Strava zum Beispiel konnte anhand von Daten ihrer Nutzer bestimmen, dass fast die Hälfte ihre Fitnessvorsätze schon nach drei Wochen aufgeben [2]. Die Datenplattform Foursquare berichtet, dass der Trend erhöhter sportlicher Betätigung bereits im Februar wieder abfällt. Dafür erfasste Foursquare im gleichen Zeitraum einen Anstieg der Fastfood-Bestellungen [3].

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Eine mögliche Antwort liefert die kognitive Dissonanz [4]. Dieser Begriff wurde in den 1950er-Jahren vom Sozialpsychologen Leon Festinger eingeführt und beschreibt das Unwohlsein, das wir verspüren, wenn unser Verhalten unseren Überzeugungen widerspricht.

Wir wollen uns in der Regel nicht als irrational oder willensschwach wahrnehmen. Wenn wir also vermuten, dass wir gegen unsere Werte handeln, gilt es, den auftretenden Konflikt zu reduzieren. Darüber hinaus greifen solche Widersprüche unser Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität an. Werte geben uns Halt und vermitteln uns das Gefühl, dass wir uns auf persönliche oder gesellschaftliche Entscheidungen verlassen können. Wenn diese Verlässlichkeit in Frage gestellt wird, entsteht eine Dissonanz, die oft Scham- oder Schuldgefühle mit sich bringt.

Gegen Jahresende könnte eine solche Dissonanz auftauchen, wenn Werbung für ein Fitnessstudio über den TV-Bildschirm flimmert, während man selbst in Jogginghosen die bestellte Pizza mampft. Eigentlich ist vielen Menschen ihre Gesundheit wichtig. Sie würden sich auch nicht als faul oder träge beschreiben – jedoch ist ihnen gleichzeitig bewusst, dass sie seit Monaten keinen Sport getrieben und wohl öfter Takeaway bestellt haben, statt selbst zu kochen. Was sie in diesem Moment empfinden, ist kognitive Dissonanz.

Meister*innen der Selbsttäuschung

Aber warum geben wir unsere Neujahrsvorsätze so schnell auf, obwohl es uns unwohl wird, wenn wir sie nicht weiter verfolgen? Weil wir wahre Meister*innen darin sind, uns selbst auszutricksen!

Zum Beispiel könnte man das ungute Gefühl mildern, indem man sich bei einem Fitnesscenter anmeldet. Man könnte sich einreden, dass man es verdient hat, sich nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht um Sport oder ums Gemüseschnippeln zu kümmern. Oder man könnte sich davon überzeugen, dass der bisherige Lebensstil doch nicht so ungesund ist, wie man im ersten Schock der Erkenntnis geglaubt hat: Es gibt schliesslich Millionen von Menschen, die noch weniger Sport treiben und sich schlechter ernähren, und den meisten geht es gut. Diese dreissig Minuten auf dem Laufband machen sowieso keinen Unterschied, und wenn man den Salat unbeachtet im Kühlschrank verwelken lässt, nun ja, daran sterben wird man wohl nicht.

Mit Scheinlösungen und Ausreden gibt man sich die Erlaubnis, nichts am eigenen Verhalten ändern zu müssen. Leon Festinger erkannte in solchen Strategien das Geheimnis, wie wir trotz täglich auftretender Widersprüche ein Leben führen können, das uns konsequent und sinnreich erscheint.

Wenn wir uns mit diesen Strategien nur daran hindern, etwas gesünder und sportlicher zu werden, ist das meist nur auf individueller Ebene von Nachteil. Das Problem: Wir wenden unsere Ausweichstrategien auch bei Themen mit gesellschaftlicher Relevanz an, bei denen Scheinlösungen und Ausreden verheerend sein können.

Kompromisse beim Klimawandel

Der Klimawandel ist ein besonders prägnantes Beispiel dafür. Auch hier neigen wir dazu, gedanklich Kompromisse einzugehen:  «Ich bringe das Altpapier immer in die Papiersammlung und kaufe Früchte und Fleisch aus der Region, dafür fliege ich nächsten Sommer in die Ferien.» [5] Manchmal übertreiben wir uns selbst gegenüber, wie viel wir schon für unsere Werte geopfert haben: «Ich habe Solarzellen auf dem Dach installieren lassen, also bin ich sicher klimafreundlicher als all diese scheinheiligen Veganer.» Oder wir rechtfertigen unser Verhalten mit anscheinend rationalen Argumenten: «Ich kann sowieso nichts gegen die Klimaerwärmung ausrichten. Daran ist vor allem die Industrie schuld.» [6]

Auf diese Art entfliehen wir dem Widerspruch, dass wir im Ausland Ferien buchen, uns nicht in der Klimapolitik engagieren, oder täglich mit dem Auto zur Arbeit fahren, uns aber dennoch für klimafreundlich halten.

Auch Ausnahmedenken – das betrifft vielleicht andere, aber nicht mich selbst – ist ein wirksamer Trick, um kognitive Dissonanz aufzulösen. So glauben US-Bürger*innen überwiegend daran, dass der Klimawandel Menschen in den USA betreffen wird. Jedoch glauben nur wenige, dass sie persönlich unter den Folgen des Klimawandels leiden werden [7]. Dieser Glaube könnte dem schlechten Gewissen entgegenwirken, nichts für den Klimaschutz unternommen zu haben: Wenn man selbst nicht mit negativen Konsequenzen rechnet, fühlt man sich auch nicht dazu berufen, zu handeln.

Laut einer europaweiten Umfrage aus dem Jahr 2019 halten über 90% der befragten EU-Bürger*innen den Klimawandel für ein ernstes Problem [8]. In einer Umfrage der Europäischen Investitionsbank (EIB) gaben EU-Bürger*innen mehrheitlich an, dass sie sich klimafreundlich verhalten wollten [9]. Das weist darauf hin, dass Klimaschutz vielen Menschen wichtig ist. Allerdings schlägt sich dies überraschend wenig in deren Verhalten nieder [10] [11].

Tatsächlich haben Menschen, die angeben, das Klima sei ihnen besonders wichtig, sogar einen grösseren ökologischen Fussabdruck als solche, die sich weniger für den Klimaschutz interessieren [12]. Dieses Paradox lässt sich dadurch begründen, dass umweltbewusstere Menschen im Durchschnitt einen höheren Bildungsstand und damit ein höheres Einkommen haben [13]. Sie können sich deshalb Ausgaben für klimabelastende Flugreisen oder grössere, heizintensive Wohnungen leisten.

Die Lücke schliessen

Ist dieses Verhalten heuchlerisch? Nicht unbedingt. Es ist nur schwieriger als gedacht, uns unseren Werten entsprechend zu verhalten. Die Lücke zwischen Wert und Verhalten heisst value-action gap (Wert-Handlung-Lücke) und ist insbesondere im Gesundheits- und Klimaverhalten gut untersucht [14] [15] [16]. Beispielsweise beteuert bei Studien in Asien, Europa und Nordamerika die Mehrheit der Befragten, dass ihnen klimafreundliches Handeln wichtig sei. Bei genauer Überprüfung ihres Recycling- [17] [18] und Kaufverhaltens [19] [20] fällt aber auf, dass sie im Alltag die entsprechenden Gelegenheiten versäumen. Oft liegt das daran, dass ihnen die Geduld fehlt [21]. In Befragungen zum Klimaverhalten ist häufig zu lesen: Wir wissen, dass unser Verhalten schädlich ist, aber wir «kommen einfach nicht dazu», es besser zu machen [22] [23].

Schlechte Nachrichten für das Klima: Es reicht also nicht, jemanden über den Treibhauseffekt zu informieren. Auch wenn wir den Umweltschutz begrüssen, hinken wir in der Praxis unseren Werten hinterher. Deshalb sind wir trotz Kampagnen und ideologischem Wandel weit davon entfernt, internationale Klimaziele zu erreichen [24] – und werden es auch weiterhin bleiben, solange wir den value-action gap nicht schliessen können. 

Es stellt sich die Frage: Haben wir eine Verpflichtung, uns der eigenen Schwächen und kognitiver Ausweichmechanismen bewusst zu sein? Und sollten wir versuchen, sie zu überwinden, um uns selbst und anderen ein besseres Leben zu ermöglichen? Für einige mag die Antwort «ja» lauten. Bleibt nur, dass wir diesen Wert auf unser Verhalten übertragen.  Im Bezug auf den Klimawandel vermutet der Schweizer Atmosphären- und Klimaforscher Reto Knutti, dass wir uns von der Idee einer «individuellen Verantwortung» lösen müssen. Auch das Vertrauen, dass die freie Marktwirtschaft Lösungen erschaffen wird, sei nicht zielführend. Stattdessen sollten wir auf Regeln und Richtlinien setzen, die für alle gelten [25]. Indem wir uns dadurch die Möglichkeit rauben, unsere kognitive Dissonanz mit Ausreden zu beseitigen, können wir auf nachhaltige Weise sicherstellen, dass wir (wie in einer Fitnesswerbung versprochen [26]) die «beste Version unserer selbst» werden – durch richtiges Handeln.

Referenzen

[1]

Wolber, Corinna. «Jedes Jahr im Januar: Fitnessstudios erleben einen Boom». Westdeutsche Zeitung, 12.01.2012, https://www.wz.de/panorama/jedes-jahr-im-januar-fitnessstudios-erleben-einen-boom_aid-30504251.

[2]

«Strava reveals 2020 quitters day». Sports insight, 01.01.2020, https://www.sports-insight.co.uk/news/strava-reveals-2020-quitters-day.

[3]

Spagnolo, Sarah. «Gym vs. burger? Foursquare data reveals when people will give up their New Year's resolutions.» Foursquare, 06.02.2019, https://foursquare.com/article....

[4]

Festinger, Leon. A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press, 1957.

[5]

Barr, S., Shaw, G., Coles, T., Prillwitz, J. «‘A holiday is a holiday’: practicing sustainability, home and away». Journal of Transport Geography, Volume 18, Issue 3, 2010, p. 474-481.

[6]

«New report shows just 100 companies are the source of over 70% of emissions». CDP, 10.07.2017, https://www.cdp.net/en/articles/media/new-report-shows-just-100-companies-are-source-of-over-70-of-emissions.

[7]

«Yale Climate Opinion Maps 2020». Yale program on climate change communication, 02.09.2020, https://climatecommunication.yale.edu/visualizations-data/ycom-us/.

[8]

«Öffentliche Akzeptanz der Klimapolitik». European commission, 2019, https://ec.europa.eu/clima/citizens/support_de.

[9]

«Umfrage der EIB zum Klimawandel 2019-2020 (2/3)», Europäische Investitionsbank, 2020, https://www.eib.org/de/surveys/2nd-climate-survey/new-years-resolutions.htm.

[10]

Diekmann, Andreas; Preisendörfer, Peter. «Persönliches Umweltverhalten: Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit». Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Issue 2, 1992, p. 226-251.

[11]

«Handeln wollen, es aber (noch) nicht tun: Die einen sehen Heuchelei – andere ein Indiz für Wertewandel». Klimafakten.de, 10.03.2020, https://www.klimafakten.de/meldung/handeln-wollen-es-aber-noch-nicht-tun-die-einen-sehen-heuchelei-andere-ein-indiz-fuer.

[12]

«Umweltbewusstsein allein führt nicht zu geringerem Energieverbrauch». Kllimafakten.de, 20.10.2016, https://www.klimafakten.de/meldung/umweltbewusstsein-allein-fuehrt-nicht-zu-geringerem-energieverbrauch.

[13]

Ibid.

[14]

Faries, Mark D. «Why We Don't 'Just Do It'»: Understanding the Intention-Behavior Gap in Lifestyle Medicine.” American journal of lifestyle medicine, Volume 10, Issue 5, 2016, p. 322-329.

[15]

«Warum tun wir so wenig?». Der Tagesspiegel, 24.01.2019, https://www.tagesspiegel.de/politik/klimawandel-warum-tun-wir-so-wenig/23886440.html.

[16]

Weller, Ines. «Wahrnehmung des Klimawandels.» Klimanavigator, 02.10.2018, https://klimanavigator.eu/dossier/artikel/037449/index.php.

[17]

Chung, S., Leung, M. «The Value-Action Gap in Waste Recycling: The Case of Undergraduates in Hong Kong». Environmental Management, Issue 40, 2007, p. 603–612.

[18]

Barr, Stewart. «Environmental Action in the Home: Investigating the 'Value-Action' Gap.» Geography, Volume 91, No. 1, 2006, p. 43–54.

[19]

Young, W., Hwang, K., McDonald, S. and Oates, C.J. «Sustainable consumption: green consumer behaviour when purchasing products». Sustainable Development, Volume 18, Issue 1, 2010, p. 20-31.

[20]

Kennedy, E., Beckley, T., McFarlane, B., Nadeau, S. «Why We Don't ‘Walk the Talk’: Understanding the Environmental Values/Behaviour Gap in Canada.» Human Ecology Review, Volume 16, No. 2, 2009, p. 151–160.

[21]

Ibid.

[22]

Barr, S., Shaw, G., Coles, T., Prillwitz, J.. «‘A holiday is a holiday’: practicing sustainability, home and away». Journal of Transport Geography,
Volume 18, Issue 3, 2010, p. 474-481.

[23]

Barr, S., Gilg, A., Shaw, G. «‘Helping People Make Better Choices’: Exploring the behaviour change agenda for environmental sustainability». Applied Geography, Volume 31, Issue 2, 2011,Pages 712-720.

[24]

«The truth behind the climate pledges: Key conclusions». Universal Ecological Fund, 2021, https://feu-us.org/behind-the-climate-pledges/.

[25]

Knutti, R. «Closing the Knowledge-Action Gap in Climate Change». One Earth, Volume 1, Issue 1, 2019, p. 21-23.

[26]

«Be the best version of yourself». Workoutclub, 2016, https://workoutclub.eu/en.

Autor*innen

Caroline Hasler studiert Physik an der ETH Zürich. Sie interessiert sich insbesondere für Astro- und Geophysik sowie für die Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von Reatch oder seiner Mitglieder.