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«Ich hoffe, dass der Sommer 2026 vielen Leuten die Augen geöffnet hat»

Heiss, heisser, am heissten war der Sommer 2026. Was bedeuten solche Rekordtemperaturen für unsere Gesundheit? Ein Interview mit Umweltepidemiologin Martina Ragettli.

Der Sommer 2026 ist vorbei und wir haben noch nie so viel geschwitzt: 2026 verzeichnen wir den heissesten Sommer in der Schweiz seit Messbeginn 1864. Eine Hitzewelle folgte der nächsten und vielerorts fielen Hitzerekorde.
In Zukunft könnte diese Situation zur Norm werden. Was bedeutet das für unsere Gesundheit? Und wie können wir uns besser auf solche Hitzesommer vorbereiten? Im Interview mit Umweltepidemiologin Martina Ragettli.

Martina Ragettli leitet die Forschungsgruppe «Climate, Health and Policy» am Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Auswirkungen von Hitze auf die Gesundheit der Bevölkerung. In der aktuellen CCHeSS-Studie «Hitze und Gesundheit Schweiz» untersucht sie, wie wir mit den Herausforderungen von Hitzewellen umgehen können.

Das Thema Hitzewellen war in diesem Sommer sehr präsent. Sind Hitzewellen immer noch eine unterschätzte Gefahr in der Schweiz?

Wenn du mir diese Frage vor dem Sommer 2026 gestellt hättest, hätte ich klar mit ja geantwortet. Wir haben beispielsweise in einer Umfrage im Jahr 2023 festgestellt, dass sehr viele Leute ab 55 Jahren Hitze nicht als Gefahr für sich selbst wahrnehmen, obwohl mit dem Alter die Gefahr für gesundheitliche Folgen steigt.

Ich hoffe, dass dieser Sommer 2026 vielen Leuten die Augen geöffnet hat, besonders auch wegen der Trockenheit. Hitze wird oft als stiller Killer bezeichnet, denn man sieht nicht, wie Menschen daran sterben. Häufig trifft es Personen, die bereits krank sind und dann nicht offensichtlich wegen der Hitze sterben. Die sichtbaren Folgen der Trockenheit hingegen, zum Beispiel vertrocknete Gärten und niedrige Flusspegel, machten die Hitze greifbarer, auch für Personen, die nicht zur Risikogruppe gehören.

Hat der Sommer 2026 in deine Erwartungen gepasst, oder gibt es Aspekte, die dich daran überrascht haben?

Die Klimaszenarien sagen schon lange voraus, dass wir mehr Sommer mit häufigeren, intensiveren und längeren Hitzewellen haben werden. Aber es ist schwierig, sich bewusst zu werden, was das bedeutet. Zum Beispiel: Wenn man hört, dass es nun 20 Tropennächte pro Sommer geben soll - also Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt - klingt das ja erstmal nicht schlecht. Dass das aber auch bedeutet, dass es um 22 Uhr immer noch 30 Grad warm sein kann, ist vielen Leuten nicht klar.

Diesen Sommer warst du als Expertin viel mit den Medien im Gespräch. Hast du dabei Missverständnisse zu Hitzewellen angetroffen?

Man muss hervorheben, dass Hitzewellen auch ein Gesundheitsproblem sind, nicht nur ein Umweltproblem. Das wird hauptsächlich im Sommer thematisiert und ist im Herbst leider schnell wieder vergessen. Aber ich hoffe, dass der Sommer 2026 das Bewusstsein etwas nachhaltiger dazu bestärkt hat und nun wirklich Massnahmen getroffen werden, sowohl in Bezug auf den Gesundheitsschutz als auch den Klimaschutz.

Du leitest die CCHeSS-Studie «Hitze und Gesundheit Schweiz». Dabei nehmen ca. 1500 Personen teil, die in der Schweiz leben und zwischen 55 und 85 Jahre alt sind. Welche Forschungslücken soll die Studie schliessen?

Man weiss zwar sehr gut, dass Hitze die Sterblichkeit beeinflussen kann. Wir wissen aber wenig darüber, was vorher passiert: wie Hitze das Wohlbefinden, den Schlaf, das Verhalten im Alltag und das Krankheitsgeschehen beeinflusst. Deshalb erfassen wir zum Beispiel auch, wie oft Menschen bei Hitze die medizinische Grundversorgung nutzen, also Hausarztpraxen, Apotheken oder telemedizinische Dienste. Mit solchen Informationen können wir besser verstehen, wer wann gefährdet ist, und wie man am Ende einen Notfall verhindern kann.

Wer wird von den Erkenntnissen der CCheSS-Studie profitieren?

Von den Erkenntnissen soll die gesamte Bevölkerung profitieren können, nicht nur ältere Menschen. Ausserdem ist die Studie partizipativ. Das bedeutet, dass wir gemeinsam mit den Studienteilnehmenden Massnahmen, Tools und Empfehlungen entwickeln werden. Wie genau diese aussehen werden, kann ich noch nicht sagen. Das hängt von den Ergebnissen ab.

Gibt es Hitzeschutzmassnahmen, die von der Forschung gestützt werden, die aber in der Schweiz noch nicht umgesetzt sind?

Man kann eher sagen, dass viele Hitzeschutzmassnahmen in der Schweiz nicht flächendeckend umgesetzt werden. Westschweizer Kantone und das Tessin sind bereits nach dem Hitzesommer 2003 aktiv geworden und haben Hitzeaktionspläne eingeführt. Ein Hitzeaktionsplan legt fest, wer bei Hitze was unternimmt, um die Bevölkerung und besonders gefährdete Menschen zu schützen. Koordiniert wird er meist vom Kantonsarztamt. In der Deutschschweiz gibt es solche Massnahmenpläne erst seit ungefähr drei Jahren. So haben die Kantone St. Gallen und Bern mittlerweile ebenfalls Hitzeaktionspläne eingeführt. Es gibt auch Unterschiede darin, welche der in den Hitzeaktionsplänen beschriebenen Massnahmen konkret umgesetzt werden. Die Bevölkerung zu informieren, ist schnell und einfach umsetzbar. Aufwändigere Massnahmen, wie zum Beispiel Nachbarschaftshilfe, werden erst vereinzelt umgesetzt.

Was wäre ein Beispiel für solch eine Massnahme?

Die Stadt Bern hat neu Hitzetandems entwickelt. Dort unterstützen sich zwei Seniorinnen oder Senioren während einer Hitzewelle gegenseitig. Einerseits hat das den Vorteil, dass sie aufeinander schauen, andererseits, dass damit Einsamkeit und Isolation - ebenfalls Risikofaktoren - reduziert werden können.

Wie erreicht man als Forschende die Bevölkerung am besten, wenn neue Forschungsergebnisse zum Umgang mit Hitzewellen vorliegen?

Ich finde es wichtig, dass man betroffene Bevölkerungsgruppen von Anfang an in die Forschung einbezieht, idealerweise in die Fragestellung, Entwicklung, Datensammlung, und auch in die Massnahmenentwicklung. So machen wir es auch bei CCHeSS. Auf diese Weise werden Massnahmen so besser akzeptiert und mitgetragen und haben ein grösseres Wirkungspotenzial. Wir haben zum Beispiel in einer früheren Studie gemeinsam mit Mitarbeitenden eines Altersheims in Basel einen Hitzemassnahmenplan entwickelt. Sie konnten einbringen, wo in ihrem Arbeitsalltag die grössten Herausforderungen liegen. Dann haben wir zusammen einen Plan entwickelt, der gut funktioniert und hinter dem alle den Sinn sehen.

Was ist deine Einschätzung, wie in der Schweiz die Sommer in den nächsten 10-20 Jahren aussehen werden?

Wir müssen davon ausgehen, dass es noch häufigere und intensivere Hitzewellen geben wird. Darum ist Klimaschutz wichtig, aber ebenso, dass wir Anpassungsmassnahmen treffen. Leider nimmt die Hitzebelastung schneller zu, als wir uns anpassen. Wie weit und wie gut wir uns in Zukunft anpassen werden, ist schwierig vorauszusehen.

Mas muss sich in den nächsten 10-20 Jahren tun, politisch und gesellschaftlich, damit wir besser mit Hitzewellen umgehen können?

Es ist wichtig, dass wir nicht in Silos denken. So sollen zum Beispiel nicht der Gesundheitssektor und die Raumplanung für sich allein handeln. Hitze betrifft viele Bereiche unseres Alltags gleichzeitig: wie wir wohnen, arbeiten, uns fortbewegen und füreinander sorgen. Diese Bereiche müssen wir gemeinsam angehen, und dabei sollte die Gesundheit immer mitgedacht werden. Wir müssen uns alle Gedanken dazu machen, wie wir unsere Umwelt gestalten können, um gesund mit der Hitze leben zu können.

Weiterführende Links:

- Mehr Informationen zur CCHeSS-Studie: https://www.swisstph.ch/de/pro...

- Das Klimabulletin zum Sommer 2026 von MeteoSchweiz: https://www.meteoschweiz.admin.ch/dam/jcr:dccbcb08-8ce3-497c-9d30-da955f1ab5dd/2026_JJA-d.pdf

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