Die wachsende Kluft zwischen Gesellschaft und Politik
Diese Diskrepanz erzeugt zunehmend Frustration und Resignation. Viele Menschen erleben Politik als fern und schwer zugänglich – Entscheidungen scheinen oft über ihre Köpfe hinweg getroffen zu werden. Laut einer repräsentativen Umfrage der SRG SSR in Zusammenarbeit mit gfs.bern aus dem Jahr 2023 sehen zwar viele Schweizerinnen und Schweizer die direkte Demokratie als Teil ihrer Identität – gleichzeitig zeigt die Erhebung eine wachsende Distanz gegenüber den politischen Institutionen: Fast die Hälfte der Befragten äussert Misstrauen gegenüber politischen Parteien, ein Drittel fühlt sich von der Politik nicht ernst genommen. Besonders deutlich wird dies bei jungen Menschen und Personen mit tieferem Einkommen oder Bildungsniveau [1].
Diese Entwicklung zeigt sich weltweit: Immer mehr Demokratien verlieren an Vertrauen und Wirksamkeit, während autoritäre Kräfte an Einfluss gewinnen – wie empirisch u. a. von Foa et al. (2020) und Norris (2011) belegt [2], [3]. Demokratische Mitbestimmung wird heute zunehmend infrage gestellt. Doch Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss immer wieder erneuert, belebt und gemeinsam gestaltet werden.
Digitale Lösungen für eine lebendige Demokratie
In einer Welt, in der Technologie jeden Aspekt unseres Lebens revolutioniert hat, liegt die Lösung auf der Hand: Demokratische Prozesse müssen ins digitale Zeitalter übersetzt werden. Demokratie bedeutet nicht nur alle drei Monate abzustimmen – sie beginnt mit Haltung, lebt vom Dialog und entfaltet sich durch Teilhabe. Dieses Engagement darf nicht länger durch komplexe Verfahren oder unverständliche Sprache erschwert werden. Im Gegenteil: Politische Beteiligung muss einfach, inklusiv und unmittelbar zugänglich sein – für alle.
Eine digitale Plattform, die demokratischen Dialog ermöglicht, schafft neue Räume für Beteiligung – offen, zugänglich und wirksam. Wenn Menschen Ideen diskutieren, gemeinsam Lösungen entwickeln und ihre Unterstützung sichtbar machen können, entsteht echte Mitgestaltung. Digitale Werkzeuge helfen dabei, sprachliche und soziale Barrieren abzubauen und fördern einen Austausch, der konstruktiv, faktenbasiert und respektvoll bleibt. Studien zeigen, dass gezielt gestaltete digitale Beteiligungsformate soziale Inklusion fördern und insbesondere unterrepräsentierte Gruppen besser einbinden können (vgl. [4], S. 61–62).
Plural – Ein konkreter Schritt zur digitalen Demokratie in der Schweiz
Mit Plural (siehe www.plural.ch) haben wir die Vision einer digitalen Demokratie mit umfassender Teilhabe konkretisiert. Die Plattform ermöglicht allen Einwohnerinnen und Einwohnern der Schweiz, aktiv und direkt an gesellschaftlichen Lösungen mitzuwirken – nicht nur Stimmberechtigten. Durch technisch und psychologisch fundiert gestaltete Diskussionsmodule bietet Plural eine Alternative zu klassischen politischen Prozessen, in denen Wählende lediglich vorgefertigte Initiativen bestätigen oder ablehnen. Stattdessen werden Nutzerinnen und Nutzer aktiv eingebunden, um gemeinsam tragfähige und innovative Lösungen zu erarbeiten.
Soziale Medien fördern oft Polarisierung und Spaltung. Algorithmen verstärken extreme Positionen und machen konstruktiven Austausch schwieriger. Plural setzt bewusst einen Gegenakzent: Die Plattform basiert auf Erkenntnissen zur Wirkung digitaler Räume und gestaltet Dialogräume so, dass Respekt und Verständigung möglich werden. Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgt Plural mehrere konkrete Massnahmen: Erstens fokussiert sich die Plattform ausschliesslich auf politische Themen – im Gegensatz zur breit gestreuten, oft beliebigen Inhaltewelt sozialer Netzwerke. Zweitens fördert ein moderiertes Diskussionsformat mit kurzen, klar strukturierten Beiträgen die Verständlichkeit und Sachlichkeit im Dialog. Drittens ermöglicht ein Fist-to-Five-Votingsystem, dass die Zustimmung zu Ideen differenziert und transparent sichtbar wird – und so die Entwicklung gemeinsamer Lösungen unterstützt. Statt Spaltung fördern wir gemeinsames Denken.
Findet ein politischer Vorschlag innerhalb der Plural-Community ausreichend Unterstützung, bringt Plural diesen Vorschlag künftig aktiv in den politischen Prozess der Schweiz ein. Dabei greift Plural auf alle politischen Instrumente zurück, die auch professionellen Lobbyorganisationen zur Verfügung stehen – von Petitionen und offenen Briefen bis hin zu formellen politischen Initiativen. Aktuell befinden wir uns noch in der Aufbauphase und sammeln erste Erfahrungen mit einem konkreten Thema, um den Prozess der Umsetzung aus der Community heraus zu erproben. Erste Erfolge im politischen Prozess stehen somit noch aus – die Grundlagen dafür werden aber gerade gelegt. Auf diese Weise wollen wir digitale Beteiligung schrittweise in realen gesellschaftlichen und politischen Wandel überführen.
Demokratie weiterdenken – im Geist der Teilhabe
Demokratie lebt vom Dialog. Im digitalen Zeitalter braucht es Räume, in denen Menschen einander zuhören, Perspektiven einbringen und gemeinsam tragfähige Lösungen entwickeln können. Digitale Plattformen sollten dabei mehr sein als Abstimmungsmaschinen – sie müssen respektvolle, inklusive Diskussionen ermöglichen, Vertrauen stärken und Frustration entgegenwirken.
Damit Demokratie zukunftsfähig bleibt, braucht es eine neue Kultur der Beteiligung. Unsere Institutionen müssen offen genug sein für Wandel und stark genug, um Gemeinsinn zu fördern. Entscheidend ist, dass digitale Technologien diesen Prozess unterstützen – nicht untergraben. Die Zukunft der Demokratie entsteht nicht von selbst. Wir müssen sie gemeinsam möglich machen.
Quellenverzeichnis
SRF. (2023, 19. September). Das Vertrauen in die Politik nimmt ab – SRG-Umfrage zur politischen Stimmungslage in der Schweiz vor den Wahlen. https://www.srf.ch/news/schweiz/wahlen-2023/umfrage-zum-befinden-das-vertrauen-in-die-politik-nimmt-ab
Foa, R. S., Klassen, A., Slade, M., Rand, A., & Collins, R. (2020). The Global Satisfaction with Democracy Report 2020. Bennett Institute for Public Policy, University of Cambridge. https://www.bennettinstitute.cam.ac.uk/publications/global-satisfaction-democracy-report-2020/
Norris, P. (2011). Democratic Deficit: Critical Citizens Revisited. Cambridge University Press.
OECD. (2023). Exploring New Frontiers in Citizen Participation in the Policy Cycle. OECD Publishing. https://www.oecd.org/en/publications/exploring-new-frontiers-in-citizen-participation-in-the-policy-cycle_77f5098c-en.html
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